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Gastroenterologie
Prof. Dr. med. Stephan Vavricka Zentrum für Gastroenterologie und Hepatologie AG, Zürich
«Reizdarm gilt neu als Positivdiagnose»
Welche neuen Erkenntnisse des abgelaufenen Jahres in Ihrem Fachgebiet fanden Sie besonders spannend? Da gibt es einiges. Im Bereich der Therapie der chronisch ent zündlichen Darmerkrankungen wurde kürzlich die neue amerika nische Leitlinie des American College of Gastroenterology (ACG) für Morbus Crohn publiziert (1). Diese Leitlinie ist in vielen Punkten mit den bestehenden europäischen Empfehlungen vergleichbar und zeigt eine zunehmende Harmonisierung im Management der Erkrankung.
Auch in der Diagnostik gibt es wichtige Entwicklungen. Die Darm sonografie gewinnt weiter an Bedeutung, da sie – ähnlich wie der fäkale Calprotectin-Test – eine nichtinvasive, gut verfügbare Me thode zur Verlaufskontrolle darstellt. Für Hausärzte lohnt es sich zunehmend, Darmultraschall im Rahmen von POCUS (Point-of-Care Ultrasound) zu erlernen. Für angehende Internisten ist POCUS mittlerweile fester Bestandteil der Weiterbildung.
Frühere Biologikatherapie bei Morbus Crohn Ein zentrales Thema der letzten Jahre ist der frühzeitige Einsatz von Biologika. Strategieanalysen und Leitlinien empfehlen bei pro gnostisch ungünstigen Merkmalen eine frühzeitige hochwirksame Therapie, da dies das Risiko von Komplikationen und steroidab hängigen Verläufen reduziert (1). Der Trend geht klar zu einer indi vidualisierten, früh intensiven Therapie bei geeigneten Patienten.
Reizdarm als Positivdiagnose Das Reizdarmsyndrom (IBS) wird zunehmend als Positivdiagnose verstanden – basierend auf klinischen Kriterien und dem Ausschluss von Alarmzeichen. Die Prävalenz funktioneller gastrointestinaler Störungen nach den Rome-IV-Kriterien ist hoch, insbesondere bei Patienten mit metabolischen Begleiterkrankungen (2).
Das ermöglicht oft eine frühe Diagnose ohne Überdiagnostik. Therapeutische Ansätze umfassen unter anderem Menthacarin (Carmenthin®), Spasmolytika, lösliche Ballaststoffe sowie Ernäh rungsinterventionen wie eine FODMAP-arme Ernährung. Bei Red Flags sollte jedoch immer eine frühzeitige gastroenterologische Abklärung erfolgen.
Helicobacter nachkontrollieren Beim Nachweis von Helicobacter pylori sollte gemäss aktueller Leitlinie eine eradizierende Therapie erfolgen. Die ACG empfiehlt aufgrund hoher Clarithromycin-Resistenzen die Bismut-Quadru
peltherapie als bevorzugte Erstlinientherapie (3). Acht Wochen nach Therapieende sollte unbedingt ein Kontrolltest erfolgen.
GLP-1-RA-Nebenwirkungen antizipieren GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) werden breit eingesetzt und führen häufig zu gastrointestinalen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Völlegefühl und Obstipation. Eine grosse systematische Übersichts arbeit zeigt, dass diese Effekte meist dosisabhängig und reversi bel sind (4).
Eine langsameres Auftitrieren, kleine, fettreduzierte Mahlzeiten und ggf. eine Dosisanpassung helfen, die Verträglichkeit zu ver bessern. Bei persistierendem Erbrechen sollte an eine mögliche medikamenteninduzierte Gastroparese gedacht werden.
Praktisches zu PPI Zur Langzeittherapie mit Protonenpumpenhemmern (PPI) liegen gute Evidenzen vor. Die Empfehlungen der American Gastroen terology Association (AGA) zeigen, dass PPI bei klarer Indikation sicher sind, gleichzeitig aber ein strukturiertes Deprescribing wich tig bleibt (5). Nach erfolgreicher Therapie sollte ein langsames Ausschleichen erfolgen, um Rebound-Symptome zu vermeiden.
Abnorme Leberwerte – wie damit umgehen? Isolierte Erhöhungen der γ-GT sind häufig und meist harmlos, oft verursacht durch Alkohol, Medikamente oder metabolisch asso ziierte Steatose-Lebererkrankung (MASLD, früher NAFLD). Eine kombinierte γ-GT- und GPT-Erhöhung sollte weiter abgeklärt wer den. Eine aktuelle Übersichtsarbeit bietet eine gute praxisnahe Anleitung zum systematischen Vorgehen (6).
Neues zum Mikrobiom Das Interesse am Darmmikrobiom bleibt hoch. Neben Bakterien rücken zunehmend auch Viren, insbesondere Bakteriophagen, in den Fokus der Forschung. Diese beeinflussen die bakterielle Zu sammensetzung, modulieren Immunprozesse und werden als po tenzielle Biomarker oder therapeutische Targets diskutiert (7,8). Diese Erkenntnisse erweitern unser Verständnis des Darmöko systems und könnten künftig auch für chronisch entzündliche Darmerkrankungen relevant werden.
Fettleber aktiv suchen Die MASLD ist insbesondere in Risikogruppen wie Patienten mit Typ-2-Diabetes extrem häufig. Internationale Konsensuspapiere und aktuelle Übersichtsarbeiten betonen die Bedeutung eines strukturierten Screenings und einer Risikostratifizierung in dieser Gruppe (9,10). Bei Verdacht sollte daher frühzeitig eine Sonogra fie erfolgen, und bestehende metabolische Risikofaktoren müssen konsequent behandelt werden. Lebensstilinterventionen wie Ge wichtsreduktion, Bewegung und Ernährungsumstellung bleiben die zentrale therapeutische Säule.
Referenzen: 1. Lichtenstein GR et al.: ACG Clinical Guideline: Management of Crohn's Disease
in Adults. Am J Gastroenterol. 2025;120(6):1225-1264. doi:10.14309/ajg.0000000000003194
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Referenzen: 1. Lichtenstein GR et al.: ACG Clinical Guideline: Management of Crohn's Disease
in Adults. Am J Gastroenterol. 2025;120(6):1225-1264. doi:10.14309/ajg.0000000000003194 2. Purssell H et al.: The prevalence and burden of Rome IV bowel disorders of gut–brain interaction in patients with non-alcoholic fatty liver disease. Sci Rep. 2023;13:35774. doi:10.1038/s41598-023-35774-5 3. Chey WD et al.: ACG Clinical Guideline: Treatment of Helicobacter pylori Infection. Am J Gastroenterol. 2024;119(9):1730-1753. doi:10.14309/ajg.0000000000002968 4. Chiang CH et al.: GLP-1 receptor agonists and gastrointestinal adverse events: A systematic review and meta-analysis. Gastroenterology. 2025;169(6):1268-1281. doi:10.1053/j.gastro.2025.06.003 5. Freedberg DE et al.: The risks and benefits of long-term PPI use: AGA best practice advice. Gastroenterology. 2017;152(4):706-715. doi:10.1053/j.gastro.2017.01.031 6. Kalas MA et al.: Abnormal liver enzymes: A review for clinicians. World J Hepatol. 2021;13(11):1688-1698. doi:10.4254/wjh.v13.i11.1688 7. Shkoporov AN et al.: Bacteriophages of the human gut: The «known unknown» of the microbiome. Cell Host Microbe. 2022;30(9):1290-1304. doi:10.1016/j.chom.2022.08.012 8. Milani C et al.: The human gut microbiota and its interactions with viruses and fungi: Implications for health and disease. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2024;21(1):36-54. doi:10.1038/s41575-023-00871-9 9. Eslam M et al.: A new definition for metabolic dysfunction–associated fatty liver disease: International expert consensus. J Hepatol. 2023;79(5):1269-1289. doi:10.1016/j.jhep.2023.05.026 10. Mantovani A et al.: NAFLD and risk of cardiovascular disease in patients with type 2 diabetes. Lancet Diabetes Endocrinol. 2023;11(4):283-295. doi:10.1016/S2213-8587(22)00326-1
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