Prof. Dr. med. Stephan Vavricka: Gastroenterologie
«Reizdarm gilt neu als Positivdiagnose»
«Reizdarm gilt neu als Positivdiagnose»
Nun liegt das Exemplar also vor mir! Es war mir wichtig, dass die Redaktion der «Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin» diesem wichtigen Thema einen Schwerpunkt widmet. Das Thema beschäftigt mich in meiner täglichen ärztlichen Arbeit. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht in meiner Sprechstunde darauf angesprochen werde.
Unser Darm ist ein faszinierendes Geflecht: 7 Meter lang und mit 500 Millionen Nervenzellen in der Darmwand ausgestattet, nimmt er unsere Nahrung auf, verkleinert und transportiert sie und sorgt dafür, dass letztlich der Körper alle notwendigen Mikro- und Makronährstoffe erhält und ausscheidet, was nicht gebraucht wird. Zum Vergleich: Das menschliche Gehirn ist ein Netzwerk, das aus zirka 80 Milliarden Nervenzellen besteht, wobei jede Nervenzelle über mindestens 10 000 Verbindungen zu anderen Nervenzellen verfügt.
Nausea (Übelkeit) mit oder Erbrechen ist ein sehr häufiges Symptom im klinischen Alltag. Als Ursache kommen abdominale (Bauch-) Krankheiten wie beispielsweise Gastritis (Magenschleimhautentzündung) Darmverschluss und akute Blinddarmentzündung infrage. Aber auch Störungen anderer Organsysteme wie ein Herzinfarkt, eine Hirnhautentzündung, Krebs, Vergiftungen, Stress und Schwangerschaft können zu Nausea und Erbrechen führen. Die Differenzialdiagnose ist damit sehr breit.
Unter dem Kurzdarmsyndrom (KDS) versteht man einen Funktionszustand, bei dem durch eine Reduktion der Resorptionsoberfläche die Fähigkeit des Darms, mit normaler Kost den Eiweissund Energiestatus sowie den Flüssigkeits- und Elektrolytstatus und dem Mikronährstoffstatus aufrechtzuerhalten, vorübergehend oder dauerhaft eingeschränkt ist (1). Die klinischen Beschwerden hängen weniger von der absoluten Restlänge des Darms als von weiteren Faktoren wie der Lokalisation des resezierten Abschnittes, der Art der Rekonstruktion, dem Grad der Adaptation des Restdarmes sowie dem allgemeinen chirurgischen, medizinischen und ernährungsmedizinischen Management ab.
Wenn Obst und Gemüse «Bauchschmerzen» machen
Bereits vor 20 bis 30 Jahren stellten die Autoren verschiedener Studien einen Zusammenhang zwischen der Aufnahme kurzkettiger Kohlenhydrate und verstärkten Symptomen bei Patienten mit Reizdarmsyndrom fest. Das Akronym FODMAP steht für «fermentable oligo-, di- and monosaccharides and polyols». Es handelt sich dabei um kurzkettige Kohlenhydrate und Polyole, die von Darmbakterien mangels passender Enzyme nicht völlig abgebaut, sondern «vergoren» werden. Die Reduktion der Aufnahme von FODMAP ist eine erfolgreiche Strategie zur Behandlung der Symptome bei Reizdarmsymptomatik.
Bereits in den Achtziger- und Neunzigerjahren konnten verschiedene Studien einen Zusammenhang zwischen der Aufnahme von kurzkettigen Kohlenhydraten, sogenannten FODMAP (dt. fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole), und verstärkten Symptomen bei Patienten mit Reizdarmsyndrom feststellen (1). Die Reduktion von FODMAP ist eine erfolgreiche Strategie zur Behandlung von Symptomen bei Reizdarmsymptomatik.
Hintergründe und Therapieoptionen
In den letzten Jahren wurden immer wieder Arbeiten publiziert, in denen beschrieben wurde, dass gewisse Patienten nach Einnahme von Getreiden und Gluten typische Zöliakiesymptome entwickeln, obwohl sie keine entsprechenden serologischen, histologischen oder genetischen Marker für eine Zöliakie aufweisen (1–3). Bei diesen Patienten sind die IgE-AK nicht erhöht, wie das zum Beispiel bei einer Weizenallergie typischerweise der Fall ist. Für diese Patienten wurde der Begriff Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität (im Englischen non-celiac gluten sensitivity = NCGS) geprägt. Im Gegensatz zur Zöliakie und zur Weizenallergie, wo unter anderem eine T-Zell-Aktivierung in der gastrointestinalen Mukosa stattfindet, scheint bei der NCGS primär das angeborene Immunsystem aktiviert zu werden, und die Darmintegrität bleibt im Gegensatz zur Zöliakie in der Regel unbeeinträchtigt (4).