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STUDIE
LUTS bei Männern
Miktion verbessern, Komplikationen vermeiden
Harndrang, Nykturie, schwacher Harnstrahl – bis zu 40% aller Männer über 50 Jahre haben damit zu kämpfen. Die Symptome dieser «lower urinary tract symptoms» (LUTS) variieren in Anzahl und Ausprägung stark. Um den Patienten das Wasserlassen zu erleichtern, aber auch um Folgeprobleme wie Harnverhalt oder Niereninsuffizienz zu vermeiden, sollte eingegriffen werden. Eine Arbeitsgruppe der Universität Michigan, USA, hat die symptomatischen Therapieoptionen zusammengestellt.
JAMA
Wenn Männer über häufigen Harndrang, Nykturie und Nachtröpfeln klagen, lautet die Verdachts diagnose meist benigne Prostatahyperplasie (BPH). Und tatsächlich ist die BPH mit einer globalen Prävalenz von 2480 pro 100 000 Männer häufig Ursache dieser «lower urinary tract symptoms» (LUTS). Durch die BPH-bedingte Obstruktion des Blasenauslasses treten ausser den genann ten Beschwerden intermittierender Harnfluss, langsamer/ schwacher Harnstrahl, Anstrengung beim Entleeren und das Gefühl einer unvollständigen Entleerung auf.
Eine mit ca. 16% weniger häufige Ursache für LUTS ist ein überaktiver Blasendetrusor (OAB). Hier sind die Symptome eher irritativ, z.B. hohe Harnfrequenz, Dranginkontinenz, Nykturie und Dysurie.
Allen gemeinsam ist, dass LUTS die Lebensqualität − ständige Suche nach einer Toilette, Inkontinenzepisoden − stark einschränken. Der Alltag ist nur noch mit Inkontinenz einlagen zu bewältigen.
Nicht nur, um die Lebensqualität zu bessern, sondern auch, um die Progression sowie Komplikationen wie Harn verhalt, Niereninsuffizienz, Blasensteine, Hämaturie und Harnwegsinfektionen zu verhindern, sollten diese Patien ten behandelt werden. Eine Urologen-Gruppe um Dr. John T. Wei von der Universität Michigan in Ann Arbor (USA) hat aus einer Vielzahl von Studien, Metaanalysen und Leitlinien die symptomatischen Therapieoptionen zusammengetragen.
Schon Verhaltensänderung hilft Bereits kleine Verhaltensänderungen wie Flüssigkeitsrestrik tion und weniger Kaffee sowie Physiotherapie, z.B. Becken bodentraining, oder zeitgesteuerte Entleerung (Entleerung in bestimmten Intervallen) verbessern die Symptome.
Medikamente bei BPH-bedingter LUTS Vor allem drei Substanzklassen stehen bei BPH-bedingter LUTS zur Verfügung: α-Blocker, 5α-Reduktase-Hemmer
und Phosphodiesterase-5-Hemmer. Die Wirksamkeit die ser Substanzen wird mit dem International Prostata Symp tom Score (IPSS) gemessen, der von 0−35 reicht.
α-Adrenozeptorblocker α-Adrenozreptorblocker reduzieren den adrenergen Tonus des Prostatastromas und senken somit die dynamische Harn röhrenobstruktion am Blasenhals. Die selektiven αA1-Blocker Tamsulosin und Silodosin wirken innerhalb von 3−7 Tagen, bei einer Reduktion im IPSS von –6,5 bis –9,6 Punkten. Nichtselektive α-Blocker wie Terazosin, Alfuzosin und Doxazosin (letzteres ist in der Schweiz nicht in dieser Indi kation zugelassen) brauchen 2−4 Wochen, bis die Wirkung spürbar wird.
5α-Reduktase-Hemmer Durch 5α-Reduktase-Hemmer (5-ARI) wird weniger Testoste ron in Dihydrotestosteron umgewandelt, was das Zellwachs tum der Prostata hemmt und zu einer Prostatazellatrophie führt. 5-ARI wie Finasterid oder Dutasterid reduzieren die Prostatagrösse um etwa 20% und sind mit einer Reduktion des Prostata-spezifischen Antigenwerts (PSA) um 25–75% sowie einer Verbesserung des IPSS um 3−4 Punkte verbun den. In der Regel sind hier bis zur klinischen Symptom reduktion jedoch 3−6 Monate erforderlich.
Übrigens: Wenn ein 5-ARI und ein α-Blocker über 3–6 Mo nate kombiniert werden, bleiben die Symptome bei etwa 70% der Patienten auch bei Absetzen des α-Blockers unter Kontrolle.
Phosphodiesterase-5-Hemmer Der Phosphodiesterase(PDE)-5-Hemmer Tadalafil erhöht die Bioverfügbarkeit von cyclischem Guanosinmonophos phat und fördert somit die Vasodilatation in der glatten Muskulatur der Blase, Prostata und Harnröhre. Mit Tadalafil verbesserten sich LUTS im Mittel um –5,6 Punkte im IPSS
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im Vergleich zu Plazebo. Der PDE-5-Hemmer kann das Nachtröpfeln nach dem Wasserlassen reduzieren und eine Alternative zur α-Blockade bieten.
Medikation bei überaktiver Blase Anticholinergika Anticholinergika (z.B. Trospium, Oxybutynin, Tolterodin, Darifenacin, Solifenacin, Fesoterodin) hemmen die Signal gebung am Muskarin-Rezeptor, entspannen den Detrusor und erhöhen somit die Blaseneffizienz. Bei OAB wird die Effektivität anhand der Miktionshäufigkeit und der Zahl In kontinenzepisoden gemessen. Unter Anticholinergika sinkt die Zahl der Miktionen um 2–4-mal pro Tag, diejenige der Inkontinenzepisoden um 10–20-mal pro Woche.
β3-Agonisten Die verstärkte Aktivierung der β3-adrenergen Rezeptoren im Detrusor fördert die Blasenentspannung, verbessert die Nykturie und erhöht die funktionelle Blasenkapazität. Unter den β3-Agonisten (z.B. Mirabegron) reduziert sich die Häu figkeit um etwa zwei Entleerungen pro Tag.
Therapie bremst Progression ... Das US-amerikanische Urologen-Team hat sich auch der Frage angenommen, inwieweit sich das Fortschreiten der
LUTS bremsen lässt. Unbehandelt verstärken sich die Be schwerden bei 20−35% der Männer mit BPH oder LUTS innerhalb von vier Jahren, wobei die klinische Progression definiert ist als eine IPSS-Steigerung um mindestens 4 Punkte oder IPSS > 20. Im Vergleich zu einer abwartenden Beobachtung verringerten α-Blocker und 5-ARI auch das Risiko eines akuten Harnverhalts und den Bedarf an Opera tionen.
... und Kombinieren lohnt sich Die Kombination eines α-Blockers und eines 5-ARI redu zierte jedes dieser Ergebnisse mehr als die Monotherapie allein. So lag die Rate der Operationsindikation ohne Behand lung bei 20–35%, bei α-Blockern bei 3–5%, bei 5-ARI bei 2–4% und in der Kombination bei 1–3%.
Angelika Ramm-Fischer
Quelle: Wei JT et al.: Lower Urinary Tract Symptoms in Men: A Review. JAMA. Published online July 14, 2025. doi:10.1001/jama.2025.7045
Interessenlage: Mitautor Dr. Casey Dauw berichtete über Beratungshonorare von Boston Scientific, Cook, Ethicon und Storz sowie über Fördermittel von BlueCross Blue Shield von Michigan und dem Patient-Centered Outcomes Research Institute ausserhalb der eingereichten Arbeit. Keine weiteren Offenlegungen wurden gemeldet.
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