Transkript
EDITORIAL
Entscheiden im Dazwischen
LHausärzte sind nicht nur erste Anlaufstelle für Patienten mit akuten Beschwerden, sondern auch Lotsen, Langzeitbegleiter und oft Vermittler zwischen Erwartungen, Evidenz und machbarer Versorgung. Sie führen durch chronische Krankheitsverläufe, beraten zu Prävention und begleiten Lebensstilveränderungen. Zunehmend müssen sie sich auch mit den Chancen und Folgen des bereits weitverbreiteten KI-Einsatzes auseinandersetzen – nicht zuletzt auch mit den Fragen, die Patienten diesbezüglich bewegen.
Was hilft, aber auch fordert: Die Vielzahl an Optionen nimmt zu. So auch beim Thema Adipositas, einem Schwerpunkt dieser Ausgabe. Medikamentenklassen wie GLP-1- Rezeptoragonisten haben das therapeutische Spektrum deutlich erweitert. Doch ersetzen sie Bewegung? Oder ergänzen sie diese idealerweise? Es kommt darauf an. Wie so oft ist nicht die einzelne Massnahme entscheidend, sondern die individuell passende Kombination. Auch das Stigma, das mit dem Begriff Adipositas noch immer mitschwingt, verdient einen sensiblen Umgang.
Direkte Alltagsrelevanz haben die neuen Richtlinien zur Fahreignung und Fahrfähigkeit bei Diabetes mellitus. Nicht nur Hypo-, sondern auch Hyperglykämien sind verkehrsrelevant. Lesen Sie, was sich geändert hat, und wer in welchen Abständen von wem kontrolliert werden muss. Medizinisch notwendige Entscheidungen können vor dem individuellen Hintergrund schwerfallen und allenfalls das Arzt-Patienten-Verhältnis belasten. Auch bei Empfehlungen zur antientzündlichen Ernährung oder der Frage nach der «gesunden Adipositas» bewegen sich viele Empfehlungen in einem Spannungsfeld zwischen Datenlage und Patientenrealität.
Gerade im «Dazwischen» zeigt sich die besondere Stärke der Grundversorgung: Hausärzte kennen ihre Patienten oft über Jahre hinweg. Diese vertrauensvolle Beziehung, gepaart mit einem breiten Überblick über medizinische, psychische und soziale Aspekte, bildet die beste Grundlage, um gemeinsam tragfähige, pragmatische und individuelle Entscheidungen zu treffen – eine Kompetenz, die heute wichtiger ist, denn je.
Das Interview mit Frederik Hantke, Internist und Fachinformatiker, zeigt, wie KI auch in der Hausarztpraxis ankommt. Zwischen Bürokratieentlastung, Entscheidungshilfe und ethischen Fragen wird deutlich: Technik kann unterstützen, aber die ärztliche Urteilskraft nicht ersetzen.
Ihre Christine Mücke
ars medici 18 | 2025 613