Transkript
KONGRESS
Lebensqualität
Patienten mit atopischer Dermatitis denken oft an Suizid
Chronischer Juckreiz, Schlaflosigkeit, Schmerzen und soziale Ausgrenzung schränken die Lebensqualität bei schwerem atopischem Ekzem oft so stark ein, dass die Betroffenen an Suizid denken. Wie gross das Suizidrisiko tatsächlich ist, wurde in der «Scars of Life»-Studie untersucht, die auf dem Kongress der Europäischen Akademie für Dermatologie und Venerologie (EADV) vorgestellt wurde. Bemerkenswert: vor allem unter 30-jährige und übergewichtige Patienten sind gefährdet.
Wer schon einmal wegen eines juckenden Mückenstichs nicht schlafen konnte, kann es nachvollziehen: Menschen mit starker atopischer Dermatitis (AD) leiden. Zu Pruritus, Hautbrennen, Schmerzen und den daraus resultierenden Schlafstörungen kommen noch die Einschränkungen im sozialen Bereich. Zunächst sind Menschen, die schlecht schlafen, meist auch schlechte Gesellschafter. Dazu kommt der Rückzug von Sozialkontakten wegen des Stigmas durch ekzematöse Ausschläge auf sichtbaren Hautarealen. Wer schüttelt schon gern eine schuppige, rote Hand? Oder umarmt jemanden, bei dem die Schuppen vom Gesicht rieseln? Aus Furcht vor Ablehnung ziehen sich die Betroffenen häufig zurück. Das wirkt sich auch auf das berufliche Fortkommen und somit auf die wirtschaftliche Situation aus. Depressionen, Angststörungen und sozialer Ausgrenzung sind oft die Folgen.
Da sind die Gedanken nicht weit, dem Elend ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Wie häufig allerdings AD-Patienten diese suizidalen Gedanken hegen, wollte eine französische Forschergruppe herausfinden. In der «Scars of Life»-Studie sind 2024 weltweit 30 801 Erwachsene aus 27 Ländern zu suizidalen Gedanken befragt worden. Darunter befanden sich 15 223 Personen mit ärztlich bestätigter, aktueller AD sowie 7968 Kontrollpersonen ohne AD. Die Teilnehmer mit AD wurden nach Alter beim Krankheitsbeginn (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter) eingeteilt und beantworteten einen umfassenden Online-Fragebogen. Abgefragt wurden unter anderem soziodemografische Daten, selbstberichtete Suizidgedanken, Krankheitsausprägung (Schweregrad, Juckreiz, Hautschmerzen), Stigmatisierungserfahrungen sowie Schlafprobleme.
13% der AD-Patienten hegen Suizidgedanken • 13,2% der Erwachsenen mit AD berichteten über Suizid-
gedanken – in der hautgesunden Kontrollgruppe waren es 8,5%. • Alle Untergruppen (unabhängig vom Erkrankungsbeginn) zeigten ein erhöhtes Risiko.
Damit bestätigt die Studie die erhebliche psychische Belastung, die über die rein körperlichen Symptome hinausgeht.
Das französische Forscher-Team ging auch der Frage nach, welche Risikofaktoren besonders zu Selbstmordgedanken führen. Sie fanden Folgendes: • Jüngere Erwachsene (< 30 Jahre) wiesen ein um 60% er- höhtes Risiko auf. • Übergewichtige Patienten hatten ein moderat gesteiger- tes Risiko. • Besonders stark wirkte der Krankheitsverlauf selbst: Eine moderat bis schwere AD verdoppelte die Wahrscheinlichkeit für Suizidgedanken. • Spezifische Symptome wie intensiver Juckreiz, Hautschmerzen und eine hohe Gesamtbelastung waren signifikant mit einem erhöhtem Risiko verbunden. • Psychosoziale Faktoren: Betroffene mit Suizidgedanken berichteten häufiger über Stigmatisierungserfahrungen. • Schlafprobleme waren ebenfalls relevant. Besonders bei Mischinsomnie (Schwierigkeiten sowohl beim Einschlafen als auch beim Durchschlafen) war das Risiko deutlich erhöht. Suizidgedanken oft unbemerkt Wie eine der Studienautoren, Dr. Delphine Kerob vom St. Louis Hospital in Paris, auf dem EADV-Kongress sagte, zeigen die Ergebnisse, dass die Folgen von AD weit über die Hautsymptome hinausgehen. Suizidgedanken seien ein ernstzunehmendes, aber oft übersehenes Problem. Durch die Identifizierung zentraler Risikofaktoren können Ärzte und andere Gesundheitsfachkräfte Betroffene besser unterstützen und frühzeitig eingreifen. Für die weitere Forschung sollen nun kulturelle Unterschiede zwischen den teilnehmenden Ländern analysiert werden, da die Häufigkeit suizidaler Gedanken nicht überall gleich ist. Die laufenden Auswertungen der «Scars of Life»Studie sollen helfen, die komplexen Wechselwirkungen zwischen körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren bei atopischem Ekzem besser zu verstehen. Angelika Ramm-Fischer Quelle: Seneschal Jet al.: «Prevalence and risk factors of suicidal ideation in atopic eczema: Insights from the Scars of Life study». Presented at the EADV Congress 2025. dermatologie & ästhetische medizin 1 | 2026 11