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BERICHT
SURPASS-CVOT
Kardiovaskuläre Prüfung bestanden
Am Jahreskongress der European Association for the Study of Diabetes (EASD) wurden die Langzeitdaten des GIP-/GLP-1-Rezeptoragonisten Tirzepatid in einer Nichtunterlegenheitsstudie präsentiert. Als Vergleichssubstanz diente nicht wie üblich Plazebo, sondern der GLP-1-Rezeptoragonist Dulaglutid, dessen kardiovaskuläre Vorteile bereits bekannt waren.
Als gewagtes Unterfangen bezeichnete Chairperson Prof. Dr. Tina Vilsboll, Forschungsleiterin am Steno Diabetes Center, University of Copenhagen (DK), am EASD-Kongress das Studiendesign der kardiovaskulären Outcome-Studie SURPASS-CVOT. Denn die Latte für eine Nichtunterlegenheit mit der bekannten Vergleichssubstanz Dulaglutid war hoch gelegt. In der kardiovaskulären Outcome-Studie REWIND hatte Dulaglutid im Jahr 2019 bei Patienten mit Typ-2-Diabetes (T2D) und kardiovaskulären Erkrankungen oder kardiovaskulären Risikofaktoren eine signifikante Reduktion des kombinierten primären Endpunkts, bestehend aus nicht tödlichem Myokardinfarkt, nicht tödlichem Hirnschlag oder kardiovaskulärem Tod, um 12% gezeigt (1).
An der nun am EASD-Kongress präsentierten SURPASSCVOT-Studie wurden Tirzepatid (Mounjaro®) und Dulaglutid (Trulicity®) miteinander verglichen. An der doppelblind randomisierten Studie nahmen 13 165 im Schnitt 64-jährige Patienten mit T2D und atherosklerosebedingten kardiovaskulären Erkrankungen (ASCVD) aus 30 Ländern und 640 Studienzentren teil. Die Teilnehmer erhielten entweder Tirzepatid 15 mg 1-mal wöchentlich, beginnend bei 2,5 mg und um 2,5 mg alle vier Wochen auftitriert, oder Dulaglutid 1,5 mg 1-mal wöchentlich mit Scheinaufdosierungen in den gleichen Intervallen. Die beiden Substanzen wurden während vier Jahren zusätzlich zur Standardtherapie für ASCVD verabreicht. Als primärer Endpunkt war MACE-3 (major cardiovascular adverse events) bzw. die Kombination aus kardiovaskulärem Tod, Myokardinfarkt oder Hirnschlag definiert.
Nach vier Jahren zeigte sich: Unter Tirzepatid war der primäre Endpunkt signifikant um 8% stärker reduziert (Hazard Ratio [HR]: 0,92; 95,3% Konfidenzintervall [KI]: 0,83–1,01; p = 0,003) als unter Dulaglutid. Damit erfüllte Tirzepatid die Nichtunterlegenheitsschwelle und kann hinsichtlich kardiovaskulärer Langzeitwirkungen als dem Dulaglutid ebenbürtig bezeichnet werden. Die Gesamtmortalität als sekundärer Endpunkt war unter Tirzepatid um 16% geringer als unter Dulaglutid, dies nicht nur bei kardiovaskulären, sondern auch bei nicht kardiovaskulären Todesursachen, wie Prof. Dr. Stephen Nicholls, Monash University, Melbourne (AUS), erklärte. Eine anschliessend durchgeführte vordefinierte indirekte Vergleichsanalyse mit Daten der REWIND-Studie ergab, dass Tirzepatid im Vergleich zu einem Plazebo das MACE-3-Risiko um 28% und die Gesamtmortalität um 39% stärker senkte. Darüber hinaus war unter
Tirzepatid zu Studienende eine signifikant stärkere Senkung des HbA1c-Werts um 0,83% und des Gewichts um 7,1% zu beobachten, und die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate fiel bis zu Studienende um 3,54 ml/min/1,73 m2 signifikant weniger ab. Die Behandlung mit Tirzepatid hat diesen Resultaten zufolge die Kriterien für die Nichtunterlegenheit zu Dulaglutid und den primären Endpunkt hinsichtlich MACE-3 erfüllt. Bei Patienten mit T2D und ASCVD zeigte Tirzepatid eine kardioprotektive Wirkung und «könnte zusätzlich als inkretingerichtete Therapie zur kardiovaskulären Prävention bei Patienten mit Typ-2-Diabetes beitragen», so Prof. Nicholls.
«Ausgeliehene» Plazebogruppe gab zu reden Prof. Dr. Hertzel Gerstein, McMaster University & Hamilton Health Sciences, Hamilton (CDN), wurde vom EASD gebeten, diese Resultate einzuordnen: Dass bei dieser Wirksamkeitsstudie eine aktive Vergleichssubstanz gewählt wurde und nicht Plazebo, hatte laut dem Diskutanten einen ethischen Grund: Man könne heutzutage dieser Population aus Versuchsgründen keinen GLP-1-RA mehr vorenthalten. Die Studie sei gut designed und durchgeführt worden sowie ausreichend gepowert gewesen. Weil REWIND und SURPASS-CVOT die gleichen Endpunkte hatten und die gleiche Dulaglutid-Dosis verwendet wurde, wurde für den Vergleich gegen Plazebo vordefiniertermassen die Plazebogruppe aus der REWIND-Studie «ausgeliehen» und ein mathematisches Modell gewählt, das die Antwort auf die Frage liefern würde, wie Tirzepatid abgeschnitten hätte, wäre es gegen Plazebo getestet worden. Anhand dieser Berechnung scheint Tirzepatid 15 mg/Woche bei ähnlichen Nebenwirkungen kardioprotektiver zu sein als der GLP-1-RA in der getesteten Dosis. Dieses Modell ermöglichte – so eine Anmerkung des Studienleiters – eine Standortbestimmung über die Potenz von Tirzepatid gegenüber Plazebo.
Mit den Ergebnissen der SURPASS-CVOT-Studie stehe einweiteres Medikament zur Beeinflussung des Incretin-Pathways zur Verfügung sowie zur Prävention oder Verzögerung von schweren Verläufen, so Prof. Gerstein abschliessend.
Valérie Herzog
Quelle: «Comparison of tirzepatide and dulaglutide on major adverse cardiovascular events in participants with type 2 diabetes and atherosclerotic cardiovascular disease: SURPASS-CVOT». Jahreskongress der European Association for the Study of Diabetes (EASD), 15. bis 19. September 2025, Wien
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Referenz: 1. Gerstein HC et al.: Dulaglutide and cardiovascular outcomes in type 2
diabetes (REWIND): a double-blind, randomised placebo-controlled trial. Lancet. 2019;394(10193):121-130. doi:10.1016/S0140-6736(19)31149-3
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