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Neurologie
Prof. Dr. med. Susanne Wegener Leitende Ärztin, Klinik für Neurologie Universitätsspital Zürich
«Ich würde mich freuen, wenn wir noch näher zusammenrücken»
Welche neuen Erkenntnisse des abgelaufenen Jahres in Ihrem Fachgebiet fanden Sie besonders spannend? Die Neurologie ist ein Fachgebiet, das stetig wächst. Das liegt zum einen an den neurologischen Erkrankungen im höheren Lebensalter, wie Hirnschlag und Demenz, die in ihrer Häufigkeit zunehmen. Aber auch an der guten Lebensqualität von älteren Menschen in der Schweiz. Auch über 80-Jährige möchten mobil und aktiv sein und sind an modernen Therapien interessiert.
Des Weiteren haben sich die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten für Menschen mit neurologischen Erkrankungen auch im vergangenen Jahr verbessert. Neben den hochspezialisierten Therapien in der Neurologie erkennen wir zunehmend die Bedeutung von interprofessioneller Behandlung. Ärzte, Therapeuten, Pflege und neue Berufsgruppen wie «Physician Assistants» oder «Advanced Practice Nurses» können eine Brücke zwischen den Behandlungsteams und den Patienten bauen. Sie beraten niederschwellig über Therapien, Nebenwirkungen oder organisatorische Belange und werden verstärkt in der Neurologie eingesetzt. Die Schweizerische Neurologische Gesellschaft (SNG) arbeitet zusammen mit der Dachgesellschaft Swiss Federation of Clinical Neuro-Societies (SFCNS) an einem neuen Modul zur Ausbildung dieser neuen Berufsgruppen (PA Neurologie).
Eine weitere Erkenntnis, die 2025 mit vielen Zahlen untermauert werden konnte, ist die Bedeutung von neurologischen Erkrankungen für unsere Hirngesundheit (Brain Health). Neben den neurologischen Erkrankungen des Alters sind viele junge Menschen betroffen, zum Beispiel durch Migräne oder andere Kopfschmerzen. Wir müssen uns früh für Prävention einsetzen, um allen eine gute Hirngesundheit und damit einhergehend eine gute Lebensqualität zu ermöglichen.
Wurden 2025 in Ihrem Fachbereich Medikamente zugelassen, die die Therapie erheblich verbessern? Beispiele für 2025 zugelassene Medikamente in der Neurologie sind:
Tenecteplase zur Behandlung einer Thrombolyse bei akutem Schlaganfall. Es ist noch spezifischer und einfacher in der Handhabung. Dies wird die Akutbehandlung weiter verbessern. Die Umstellung auf Tenecteplase erfolgt in den meisten Stroke Units und Zentren der Schweiz im ersten Quartal 2026.
Omaveloxon zur Behandlung von Friedreich-Ataxie. Dies ist ein Medikament, das sich gegen die zelluläre Stressreaktion (Nrf2Signalweg) der Erkrankung richtet und den Krankheitsverlauf bei den oft jungen Betroffenen bremst. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass in der Schweiz 2025 viele Anstrengungen unternommen wurden, die Diagnostik, Behandlung und Versorgung von Menschen mit seltenen Erkrankungen («Rare Diseases») zu harmonisieren und zu verbessern. Das ist eine sehr wichtige, positive Entwicklung.
Efgartigimod alfa, ein neues Medikament zur Behandlung der Myasthenia gravis. Es handelt sich um das Fc-Fragment des humanen rekombinanten Immunglobulins G1 (IgG1) und blockiert die bei Myasthenie pathognomonischen Autoantikörper für eine bessere Übertragung von den Nerven auf die Muskeln. Die Verträglichkeit ist gut.
Zusätzliche Therapieoptionen sind für diese schweren Erkrankungen wichtig.
Ist künstliche Intelligenz (KI) für Sie nützlich? Wenn ja, in welchem Bereich? Können Sie ggf. eine Anwendung empfehlen? KI ist schon jetzt Teil unserer Arbeit. KI-Algorithmen beschleunigen die Bildgebung oder verbessern die Bildqualität und zeigen uns automatisch z.B. die Infarktzonen eines Schlaganfalls im Magnetresonanz- oder Computertomogramm an. Ich finde KI auch nützlich, um Texte zu übersetzen oder medizinische Literatur zu durchsuchen. Hier möchte ich keine Applikation nennen, denn es gibt viele und je nach Anwendung sind die Präferenzen verschieden. Ich möchte KI im kommenden Jahr auch für bessere Lehre (Erstellen von Lehrformaten/Korrekturen) einsetzen, muss mich aber noch einarbeiten. Meine Arbeitsgruppe forscht intensiv zu KI und wie es uns bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Hirnschlag unterstützen kann. Auch für die Prävention von Erkrankungen und Früherkennung nutzen uns KI-basierte Modelle sehr. Ich sehe eine grosse Chance in einer intelligenten und kritischen Nutzung von KI zur Unterstützung unserer Arbeit in allen Bereichen in der Medizin.
Was hat Sie 2025 am meisten gefreut und was am meisten geärgert? Es gab viel Erfreuliches im Jahr 2025 bei uns in der Neurologie am USZ. In der Klinik haben wir trotz hohen Arbeitsaufkommens sehr gut zusammengearbeitet und talentierte junge Kolleginnen und Kollegen gewonnen. In der Forschung waren wir auf vielen Gebieten sehr erfolgreich. Ein Beispiel dafür, dass sich das Engagement in der Versorgung unserer Patienten auszahlt, zeigten wir in einer Arbeit zur aktuellen Hirnschlagstatistik in der Schweiz, die auch medial aufgegriffen wurde: «Current trends in stroke events, mortality, and case fatality in Switzerland: an epidemiologic update». Die Mortalität durch Hirnschlag in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren gegenüber 2004 halbiert. Das ist ein starkes Signal für eine bessere Hirnschlagbehandlung.
Ärgern muss ich mich immer wieder über Einschränkungen in der Behandlung unserer Patienten mit Kopfschmerzen, namentlich über Zwangspausen in der Anti-CGRP-Therapie bei solchen, die hervorragend darauf ansprechen. In den Nachbarländern ist das
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nicht mehr nötig. Ich hoffe, dass wir hier durch das Engagement mit unseren Berufsverbänden wie der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft (SKG) weiterkommen.
Ist 2026 in Ihrem Fachbereich etwas Besonderes zu erwarten oder geplant und was versprechen Sie sich davon? Was erhoffen Sie sich von 2026? Wir warten auf die Einführung der seitens EU zugelassenen neuen Antidementiva wie Lecanemab in der Schweiz. Das ist eine grosse Chance für unsere Patienten, und wir sind gut vorbereitet. Mit Spannung erwarten wir weitere Studienergebnisse im Bereich Schlaganfall und hoffen, dass wir auch unsere Projekte zur Akut therapie starten können. Die Einführung des TARDOC ist auch für unseren Fachbereich wichtig und wird etwas Umstellung erfor-
dern. Ich bin mir sicher, dass 2026 für die Neurologie ein erfolgreiches, wichtiges Jahr wird.
Was ist Ihre wichtigste «Message» für die Kolleginnen und Kollegen in der Hausarztpraxis? Egal welches Jahr – die Hausarztpraxen sind Grundpfeiler für die Betreuung unserer Patienten mit neurologischen Erkrankungen. Eine enge Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Neurologen und den Spitälern ist wichtig. Der unkomplizierte Austausch mit Euch ist für uns in der Klinik essenziell. Ich würde mich freuen, wenn wir durch gemeinsame Aktionen, Fort- und Weiterbildungen und berufspolitisches Engagement 2026 noch näher zusammenrücken.
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