Transkript
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Rosenbergstrasse
Interessante Geschäftsidee einer jungen Schwedin: Sie sei jung, schön, attraktiv, verführerisch und erwarte Heiratsangebote von Männern mit mindestens 500 000 Euro Jahreseinkommen. Interessante Antwort eines Ökonomen: Sein Gesamteinkommen sei deutlich höher als 500 000 Euro und er finde, so ein Deal «Schönheit gegen Geld» sei durchaus fair und gerecht. «Allerdings, liebe Schöne», so meint er, «bleibt dabei ein ungelöstes Problem: die Zeit. Sie wird unweigerlich dafür sorgen, dass deine Schönheit mit zunehmendem Alter abnimmt, während mein Vermögen ziemlich sicher weiter steigt. Aus ökonomischer Sicht stelle ICH also einen Vermögenswert dar, dessen Wert mit den Jahren steigt, während DU ein Konsumgut bist, dessen Wert sinkt. Wenn deine Schönheit alles ist, was du besitzt, ist das noch schlimmer, denn dann bist du kein normales Konsum-, sondern ein Hochleistungsprodukt, das in zehn Jahren völlig nutzlos sein wird.» Ob – und wie – die beiden am Ende doch noch zusammenkamen, ist nicht bekannt.
Die heikle Behauptung einer älteren Verwandten: «Kinderarbeit» hiess früher «im Haushalt helfen».
Ist man alt, wenn einen der Ehrgeiz verlassen hat? Onkel Hugo hat die Frage gestellt. Er mache sich Sorgen. Er sei zu alt, um noch reich zu werden, klagt er – nicht unglücklich, nur resigniert. Ausserdem seien ihm all die Statussymbole vom Champagner-Frühstück über die Gaggia-Espressomaschine, eine Junior Suite im Burj Al Arab in Dubai, einen E-Porsche Taycan oder die Einladung zum Poloturnier inzwischen egal. Wurstsalat und Rummikub täten’s ihm auch. Für die paar Jahre, die ihm noch blieben, reiche sein Geld. Ruhe statt Stress, T-Shirt statt Krawatte, Small Talk über Teich und Eichhörnchen seien ihm längst lieber als Meetings mit Geschäftsoptionen im Hinterkopf – dafür fehle ihm die Energie. Doch dann schaue er auf die Jüngeren, die «Gen Z». Irgendwie faul, aber voll auf Karriere, Ferienwohnungen in St. Moritz, London und Miami und ein Abo bei Jet Aviation fixiert. Am liebsten als Influencer tätig, aber notfalls auch exzessiv arbeitend. Die Kinder in Leysin im Internat. Gut, all das hätte er sich ohnehin nie leisten können – aber angestrebt schon. Bis vor ein paar Jahren. Dann, auf einmal, sei ihm das alles langweilig vorgekommen, er wisse auch nicht, warum. Seine Ferienwohnung in Bivio genüge ihm, er werde sogar die verkaufen. Was soll er dort? Und doch, manchmal werde er unsicher. Würde ihn ein bisschen Ehrgeiz – und sei’s in Projekten für Alte oder Tiere – vielleicht länger jünger halten? Er frage sich, ob sich solche Fragen zu stellen, nicht bereits das erste
oder letzte Zeichen des Alterns sei. Hugo wird still – und entschliesst sich dann für einen Gin Tonic. Mit Rosmarin und Thomas Henry Botanical Tonic. Ein bisschen modisch sein, helfe möglicherweise.
Eine bedenkenswerte Feststellung: Wären die Mächtigen nicht mächtig, wäre die Welt ein überaus lustiges Narrenhaus.
Die Älteren unter uns kennen ihn noch: Georg Kreisler. Ein Wiener Komponist und Chansonnier, ein freches Lästermaul. Kein linkes, kein rechtes, nur ein gescheites, unverschämtes und originelles. Wer kennt nicht zumindest sein Frühlingslied «Geh ma Tauben vergiften im Park!»? Oder «Er is (und bleibt) a General». Nein, ein kürzlich erschienener Zeitungsartikel über den Kampf gegen invasive Neophyten hat nichts, rein gar nichts mit Kreisler zu tun. Es ist vermutlich nur der darin etwas penetrant gepflegte Aufforderungscharakter, der an Kreisler erinnert. «Geh ma Berufskraut ausreissen im Park!» oder «Geh ma Sommerflieder verbrennen im Werkhof!» – wobei das nicht mal auf Wienerisch lustig tönt, sondern todernst. Aber nein: Man darf diese Analogie ruhig mit Kreislerschem Humor nehmen und dabei gerne übersehen, dass der Aufruf zum gemeinsamen Eliminieren des unerwünschten Fremden und Entsorgen im «kostenlosen Neophytensack» jeglichen Witzes und der ironischen Distanz Kreislers entbehrt. Das ist nicht schlimm. Nur schade. Aber vielleicht kommt Kreisler auch nur jemandem in den Sinn, der nicht nur Tauben gernhat, sondern auch Sommerflieder und Kirschlorbeer.
Ein Kollege, ironisch: Frauen haben Wechseljahre, Männer Wechselhaare – sie wechseln vom Kopf in Nase und Ohren.
Haben wir’s schon mal erwähnt? Vermutlich schon: Deutschland spinnt. Im vergangenen Jahr wurden 750 Gruppenvergewaltigungen gemeldet. Das sind rund zwei pro Tag. Vor gut drei Wochen hat der deutsche Bundeskanzler ein Wort ausgesprochen und auf Verlangen erläutert: «Stadtbild» – und damit das gemeint, was 90% der Einwohner in Grossstädten täglich sehen (nein, das muss nun wirklich nicht weiter erklärt werden). Die Empörung in den Medien und unter Politikern und Kommentatoren richtet sich seit drei Wochen selbstverständlich und ausschliesslich gegen das eine der (total) 751 Ereignisse: die Nutzung des Begriffs «Stadtbild».
Und das meint Walti: Warum sagt man eigentlich «Windeln wechseln» und nicht «ans Eingemachte gehen»?
Richard Altorfer
618 ars medici 18 | 2025