Transkript
RÜCKBLICK | AUSBLICK
Allgemeine Innere Medizin/ Hausarztmedizin
Dr. med. Isabelle Fuss Hausarztpraxis MZ Brugg
«Wir müssen unnütze Regulationen verhindern, aber sinnvolle Massnahmen fördern»
Welche neuen Erkenntnisse und Erfahrungen des letzten Jahres fanden Sie für Ihr Fachgebiet besonders spannend? Hier finde ich insbesondere den zunehmenden Einsatz von Ul traschalluntersuchungen spannend. POCUS(Point of Care Ultra sound)-Untersuchungen sind neu Pflicht für angehende Fachärz tinnen und -ärzte Allgemeine Innere Medizin. Mehr und mehr realisiere ich, welche Fragestellungen einfach selbst beantwortet werden können, häufig besser und günstiger, als wenn Patientin nen und Patienten zugewiesen werden müssen.
Welche davon könnten Diagnose und Therapie in der Hausarztpraxis künftig verändern? Die Geräte werden immer kleiner und besser. Wir planen für das nächste Jahr die Anschaffung von portablen Geräten, die mit Handy oder Tablet verwendet werden können. So können auch vermehrt einfach Verlaufskontrollen durchgeführt werden.
Ist künstliche Intelligenz (KI) für Sie nützlich? Wenn ja, in welchem Bereich? Können Sie ggf. eine Anwendung empfehlen? In der Funktion als Co-Präsidentin von mfe-aargau und als Mit glied der Tarifkommission von mfe Schweiz schätze ich das Note book LM von Google. Wir Hausärztinnen und Hausärzte wissen, wie wichtig unsere tägliche Arbeit für unsere Patientinnen und Patienten und das gesamte Schweizer Gesundheitssystem ist. Dies politischen Weichenstellenden zu vermitteln, ist aber etwas komplizierter. In das Tool können Quellen hochgeladen werden – u.a. in Form von PDFs, Websites oder Text. Mithilfe von Prompts können daraus verschiedene Outputs generiert werden. Am span nendsten finde ich dabei die Funktion der Erstellung von Pod casts. Zwei KI-Stimmen sprechen miteinander und diskutieren das Thema für ein von mir definiertes Publikum. Der Podcast kann dann in Vorbereitung für ein Gespräch, eine Podiumsdiskussion oder eine Präsentation z.B. unterwegs gehört werden. Natürlich kann man dem Resultat nicht blind vertrauen. Es gibt aber immer wieder spannende Aha-Effekte.
ChatGPT habe ich anonymisiert in zwei komplizierteren Patien tenfällen befragt. Einmal ging es darum, ob bei einem 87-jährigen
Patienten eine Therapie mit potenziellen Risiken eingesetzt werden sollte oder nicht. Die Vor- und Nachteile haben ziemlich genau meinen Überlegungen entsprochen, das war sehr beeindruckend. Auch bei einem jungen Patienten mit am ehesten psychosomati schen Beschwerden hatte das Modell sehr ähnliche Überlegungen angestellt wie ich selber. Hier bin ich tatsächlich sehr gespannt, was noch alles kommt, und ich frage mich auch, was meine Funk tion in Zukunft sein wird.
Gab es im vergangenen Jahr einen Fall in Ihrer Praxis, der Sie besonders beschäftigt oder berührt hat? Ein ca. 65-jähriger Patient, welcher immer gesund und über 20 Jahre in keiner Arztpraxis war, erhielt beim ersten Arztbesuch gleich mehrere akut lebensbedrohliche Diagnosen. Dies ändert alles komplett, von einem Moment zum nächsten. Das lehrt mich im mer wieder, dankbar zu sein, auch wenn nicht alles perfekt ist.
Was hat Sie als Hausärztin 2025 am meisten gefreut? Was hat Sie am meisten geärgert? Die Vorbereitungen für die Umstellung auf TARDOC sowie ambu lante Pauschalen laufen auf Hochtouren. Das neue Tarifsystem bietet einige Chancen, die kostenneutrale Umsetzung eines so komplexen und fragmentierten Systems ist aber eine Herkules aufgabe. Trotz riesiger Herausforderungen haben wir Ärztinnen und Ärzte das Problem angepackt und einige Fachbereiche haben zurückgesteckt, um die Tarifautonomie nicht zu gefährden. Das werte ich als grossen Erfolg und als Zeichen, dass wir gemeinsam das System verbessern können. TARDOC und v.a. die Pauschalen sind keineswegs perfekt. Jedoch ist das Tarifsystem mit den ent sprechenden Organisationen und Kommunikationsgefässen stetig verbesserbar. Der Artikel 117a der Bundesverfassung fordert eine gute ärztliche Grundversorgung und eine angemessene Ab geltung der Leistungen der Hausarztmedizin. mfe Schweiz setzt sich kontinuierlich dafür ein, dass dies auch umgesetzt wird.
Was erhoffen Sie sich für 2026, medizinisch wie gesundheitspolitisch? Diagnostik und Therapie erzielen weiterhin grosse Fortschritte. Das Schweizer Gesundheitssystem ist eines der besten Gesund heitssysteme weltweit in Bezug auf Zugänglichkeit und Qualität. Ich hoffe, dass wir dies halten können und uns dort verbessern, wo wir auf den letzten Plätzen sind: d.h. bei den Themen Admi nistrationslast und Digitalisierung. Mit schlauem Einsatz der Digi talisierung müsste die Last der Administration sinken. Dafür braucht es aber die richtige Balance zwischen Innovationen Bottom-up und der zentralen Steuerung mit Schaffung von einheitlichen Struk turen. Wir müssen unnütze Regulationen verhindern, aber sinn volle Massnahmen fördern.
36 ars medici 1 | 2026