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EDITORIAL
Chronisches Darmversagen: Weiterhin hochkomplex trotz grosser Fortschritte
Es freut uns sehr, Sie zur Lektüre dieses Themenhefts zum chronischen Darmversagen (CDV) – darunter speziell das Kurzdarmsyndrom (KDS) – zu begrüssen. In dieser Ausgabe haben wir Aspekte sowohl aus der Pädiatrie wie auch aus der Erwachsenenmedizin zusammenstellen können. Das Management des CDV hat, wie viele andere Krankheitsbilder ebenfalls, in den letzten Jahrzehnten grundlegende Wandlungen durchgemacht. War vor 50 Jahren die Diagnose eines CDV noch mit einer hohen Mortalität und Morbidität verbunden, so haben die Etablierung und die Weiterentwicklung der parenteralen Ernährung, die Optimierung der enteralen Ernährung und der chirurgischen Interventionsmöglichkeiten zu einer deutlich besseren Lebenserwartung geführt. In den letzten Jahren hat sich die Situation der Betroffenen durch enge interdisziplinäre und -professionelle Zusammenarbeit, neue Therapieoptionen und durch Implementierung von Rehabilitationsprogrammen nochmals verbessert, was vor allem auch die Lebensqualität positiv beeinflusst hat. Auch Leitlinien wie jene der Europäischen Gesellschaft für Klinische Ernährung und Metabolismus (ESPEN) oder der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM), welche erst kürzlich erschienen sind, unterstützen dieses Weiterkommen der letzten Jahre. Aufgrund der grossen Heterogenität und der unterschiedlichen Patientenbedürfnisse ist das individualisierte Patientenmanagement entscheidend, um Komplikationen zu vermeiden und die Lebensqualität zu maximieren. Im vorliegenden Heft erläutert Prof. Stephan Vavricka Ursachen, Pathophysiologie und Behandlungsmöglichkeiten beim Erwachsenen. Im Kindesalter sind die häufigsten Ursachen für ein KDS auf Bauchwanddefekte wie die Gastroschisis, Volvulus, die nekrotisierende Enterokolitis oder Darmatresien zurückzuführen; eine andere Gruppe mit CDV be-
ruht vor allem auf intestinalen Motilitätsstörungen oder kongenitalen Mukosaenteropathien als Grunderkrankung. Dr. Katharina Glock beschreibt in ihrem Artikel das KDS aus kinderchirurgischer Perspektive. Bei den Erwachsenen hat sich die Ursachenrangliste nicht zuletzt auch durch die jährlich steigende Anzahl bariatrischer Eingriffe verändert. Dr. Philipp Nett zeigt die Gefahren solcher Operationen auf. Maja Dorfschmid und Ceylan SinikAgan berichten detailliert über die phasenangepassten Möglichkeiten der Ernährungstherapie bei Erwachsenen mit KDS, und Anja Zirn erläutert die Ernährung von Kindern mit KDS. Aufgrund fehlender schweizweiter Erfassung existieren keine genauen Zahlen, wie viele Patienten in der Schweiz mit einem CDV betreut werden. Insbesondere in der Pädiatrie existiert für viele alltägliche Fragestellungen in der Betreuung dieser Patienten keine qualitativ gute wissenschaftliche Evidenz. Wenn pädiatrische Patienten mit einer heimparenteralen Ernährung (HPE) an einem der neun pädiatrischen Tertiärzentren betreut werden, betreut jedes dieser Teams maximal eine Handvoll Patienten gleichzeitig. Die Patienten mit HPE umfassen eine kleine Population mit äusserst komplexer Pathophysiologie und bedürfen einer hoch spezialisierten Betreuung. Nebst den medizinischen Problemen besteht eine grosse psychosoziale und ökonomische Last. Auch diese Aspekte bedürfen fachgerechter Sorge. Um Fortschritte in der Qualität der Betreuung jedes einzelnen Patienten erzielen zu können und allen den Zugang zum aktuellen «State of the Art» zu ermöglichen, müssen in Zukunft vermehrt gemeinsame diagnostische und therapeutische Algorithmen und Protokolle erarbeitet werden. Es ist deshalb erfreulich, dass die Schweizerische Gesellschaft für pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung mit einer Interessengruppe diese Idee zwischenzeitlich aufgenommen hat.
Dr. med. Michèle Leuenberger Spitalfachärztin Ernährungsmedizin Klinik für Viszerale Chirurgie und Medizin und Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin und Metabolismus Inselspital, Universitätsspital Bern MicheleSimone.Leuenberger@insel.ch
Dr. med. Pascal Müller Leitender Arzt Ernährungsmedizin Päd. Gastroenterologie und Hepatologie FMH Ostschweizer Kinderspital St. Gallen pascal.mueller@kispisg.ch
Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin 1|2017 1