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EDITORIAL
Im Fokus: Neue Wege in der Krebsdiagnostik und personalisierten Medizin
D iese Ausgabe der SZO widmet sich im Fokusteil dem übergreifenden Thema der Diagnostik von Krebserkrankungen. Die vergangene Dekade hat zum Teil bahnbrechend neue Erkenntnisse zur Tumorbiologie der häufigsten Krebserkrankungen wie Lungenkarzinom, Melanom oder Dickdarmkarzinom gebracht. Meilensteine waren es, weil sie in unerwarteter Weise für Patienten neue therapeutische Optionen eröffneten.
Bahnbrechende Erkenntnisse zur Tumorbiologie ... Die grosse klinische Relevanz hat die Entwicklung von diagnostischen Methoden und Plattformen gefördert, welche es ermöglichen sollten, die neuen Er-
«Heilsbringer» molekulare Diagnostik
rungenschaften möglichst vielen Patienten zugänglich zu machen. Das bedeutete für das Fach Pathologie einen kontinuierlichen Zuwachs der molekularpathologischen Analysen, da die Gewebeund Zellprobe nach wie vor den besten Ausgangspunkt darstellt: «Tissue is the issue». Aufgrund der immer engeren Verzahnung von molekularer Diagnostik und Therapie wuchs auch das Interesse der Pharmaindustrie an der molekularen Diagnostik von Tumoren (Stichworte: «companion diagnostics», personalisierte Therapie). Nicht überraschend verstärkte dies die Kommerzialisierung dieses Feldes. Bei Patientinnen und Patienten, die sich bei «Dr. Google» informieren, werden dabei bewusst oder unbewusst Erwartungen geweckt, die der Realität aber nur bedingt standhalten.
... starker Zuwachs der molekularpathologischen Analysen in der Klinik ... Wie immer, wenn wirtschaftliche Aspekte dominanter werden, ist daher zu fragen, ob alles, was machbar ist, auch sinnvoll ist. Selbst wenn breite Analysen des Tumorgenoms heute nicht mehr astronomische Summen kosten, ist dennoch zu prüfen, wann sie tatsächlich für den einzelnen Krebspatienten einen echten Informationsgewinn mit sich bringen. Einfache Antworten gibt es hierauf nicht.
Mit den Beiträgen der aktuellen SZO-Ausgabe möchten wir unseren Lesern einen Überblick verschaffen, der ihnen helfen soll, für ihre Patienten die neuen diagnostischen Möglichkeiten mit dem nötigen Augenmass anzuwenden, ohne relevante Optionen zu verpassen.
... aber wie wichtig der Informationsgewinn im Einzelfall? Sabine Baumann und Wolfram Jochum geben einen Überblick über die Methode des «Next Generation Sequencing» (NGS), welche inzwischen ihren festen Platz in der Diagnostik der Pathologie gefunden hat. Kirsten Mertz setzt sich mit der Frage auseinander, ob und wieweit Blutanalysen («liquid biopsy») die molekularpathologische Analyse am Gewebe ersetzen können. Am Beispiel des diffusen grosszelligen B-Zell-Lymphoms stellt Urban Novak dar, wie grosse Euphorie bezüglich der Möglichkeiten der molekularen Diagnostik von erheblicher Ernüchterung gefolgt werden kann. Martin Hüllner steuert einen Überblick über die aktuellen diagnostischen Entwicklungen in der Nuklearmedizin bei.
Eine abwechslungsreiche und anregende Lektüre wünscht Ihnen
Ihr Joachim Diebold Chefarzt Pathologie und Mitherausgeber Luzerner Kantonsspital
SCHWEIZER ZEITSCHRIFT FÜR ONKOLOGIE 4/2018
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