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BERICHT
Wann droht ein Mangel?
GLP-1-RA und Mikronährstoffe
Immer mehr Menschen werden erfolgreich mit GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) behandelt. Dabei muss man nicht nur auf einen potenziellen Eiweissmangel und Muskelabbau achten, sondern auch auf einen möglichen Mangel an Mikronährstoffen. Die Therapie mit GLP-1-RA beeinflusst deren Aufnahme über verschiedene Mechanismen. Welche Patienten besonders gefährdet sind und wie man einem Mangel vorbeugt, erläuterte Dr. Annic Baumgartner, Endokrinologie, Kantonsspital Aarau.
GLP-1(Glucagon-like Peptide-1)-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) werden in der Schweiz breit angewandt, 2024 wurden 46 000 Patienten behandelt, nicht eingerechnet sind Personen unter Tirzepatid und oralen GLP-1- RA sowie Selbstzahler (1).
Die Mikronährstoffe werden jeweils an unterschiedlichen Stellen des Gastrointestinaltrakts aufgenommen (2): • Magen/Duodenum: Eisen, Kalzium, Magnesium, Selen,
Kupfer • Duodenum/oberes Jejunum: Fettsäuren, Mono- und Di-
glyzeride, Vitamin A, D, E, Eisen • Jejunum/Ileum: wasserlösliche Vitamine: Vitamine B1–
B6, Biotin, Vitamin C • Ileum: Gallensalze, Vitamin B 12, Folsäure • aufsteigendes Colon: Vitamin K, Kalium, Natrium, Wasser
Störungen der Motilität, pH-Werts, der Sekretion (z.B. Intrinsic Factor, Pankreasenzyme) oder der Fettverdauung können somit in unterschiedlichen Darmabschnitten selektiv die Verfügbarkeit und Aufnahme einzelner Mikronährstoffe beeinträchtigen.
GLP-1-RA – Gewichtsreduktion Die Gewichtsabnahme beträgt unter Semaglutid 10–15%, unter Tirzepatid 15–20%. Heute weiss man, dass die Haupt-
KURZ UND BÜNDIG
• GLP-1-RA können über verschiedene Mechanismen zu Mikronährstoffmangel führen: - reduzierte orale Nahrungsaufnahme (≤ 40%) und veränderte Lebensmittelauswahl
- Gastroparese und veränderte gastrointestinale Resorption • Komplexe Mechanismen sind beteiligt.
- Die Auswirkungen der einzelnen Mechanismen sind variabel und bisher nicht quantifizierbar.
• Die aktuelle Literatur weist auf eine hohe Prävalenz von Mikronährstoffmangel hin. - Die Studienpopulation unterscheidet sich von der Schweizer Bevölkerung und schränkt die Übertragbarkeit ein.
wirkung über zentrale Effekte vermittelt wird, in den hypothalamischen Arealen wird die Sättigung und das Belohnungssystem beeinflusst. Die spontane orale Engergiezufuhr sinkt typischerweise um etwa 20–40%, was Patienten auch so berichten (5–8).
GLP-1-RA – Nebenwirkungen Die lokale Wirkung der GLP-1-RA kommen vor allem durch die neuronale Mechanismen auf verschiedene Funktionen des Magendarmtrakts zustande. So ist die Motilität des Magens beeinträchtigt, das Durchmischen und Vorwärtstreiben des Speisebreis gestört (9–10). Dies ist weniger für den Gewichtsverlust verantwortlich als für die gastrointestinalen Nebenwirkungen. Dass die verstärkte und verlängerte Dehnung des Magens sich auf das Sättigungszentrum auswirkt, ist wohl für den Gewichtsverlust nicht so relevant.
Normalerweise beträgt die Magenentleerung etwa vier Stunden, kann aber unter GLP-1-RA bis zu einem Tag dauern (11-12). So kommt bei drei Mahlzeiten pro Tag immer wieder neue Nahrung dazu, ein Mix aus unterschiedlich stark verdauten Nahrungsbestandteilen entsteht. Der pH des Mageninhalts steigt an, zudem wird die Sekretion von Intrinsic Factor reduziert.
Dies alles führt dazu, dass gewisse Substanzen weniger resorbiert werden, beispielsweise kommt es zwischen Kalzium und den freien Fettsäuren zu einer Seifenverbindung, die im Darmlumen verbleibt und nicht mehr resorbiert werden kann (13).
Komplexes System Häufig verändert sich unter der GLP-1-RA-Therapie nicht nur die Menge, sondern auch die Zusammensetzung der Nahrung, oft geht das Bedürfnis nach fetten und zuckrigen Speisen zurück, wobei auch die individuellen Ernährungsgewohnheiten eine wichtige Rolle spielen. Gewisse Mikronährstoffe wurden in den Fettdepots gespeichert und werden jetzt nach und nach ausgeschüttet. Bei gewissen Vorerkrankungen wie Diabetes kann eine Tendenz zu einer Gastroparese vorbestehend sein. Auch ungünstig wirkt eine Therapie mit Protonenpumpenblockern (PPI), die manchmal wegen der durch die GLP-1-RA bedingte Übelkeit und Dyspepsie gegeben wird. Weitere Faktoren, die zu diesem komplexen
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Zusammenspiel beitragen, sind der veränderte Metabolismus durch die Gewichtsreduktion und die Veränderung des Mikrobioms. All dies kann in unterschiedlichem Ausmass zu einem Mangel an Mikronährstoffen beitragen (13).
Welche Nährstoffe fehlen wirklich? Eine retrospektive Studie mit 460 000 Patienten hat die Prävalenz des Mikronährstoffmangels unter GLP-1-RA nach sechs und zwölf Monaten untersucht. Bei allen gemessenen Nährstoffen ist der Mangel nach zwölf Monaten deutlich höher als nach sechs Monaten. Am stärksten betroffen ist Vitamin D, gefolgt von Eisen, Thiamin (Vitamin B1), in etwas geringeren Ausmass die fettlöslichen Vitamine A, E und K sowie Kalzium und Vitamin C. Möglicherweise kann man die Zahlen aus dieser US-amerikanischen Studie nicht vollständig auf die Schweiz übertragen, da die Population wohl Unterschiede aufweist, wie verschieden hohe Body-MassIndizes als Ausgangspunkt und unterschiedliche sozio-ökonomisches Settings (14,15).
Allerdings ist zu beobachten, dass viele Menschen heutzutage Multivitamine zu sich nehmen, selbst Energydrinks sind oft mit Vitaminen angereichert.
Wer ist gefährdet? Es gibt Patientengruppen mit einem höheren Risiko für einen Mikronährstoffmangel. Besonders gefährdet sind ältere, polymorbide Menschen mit einseitiger Ernährung, die vielleicht nicht mehr selbst kochen, oder viele Fertigprodukte und Fastfood konsumieren. Auch ein sehr rascher Gewichtsverlust, ausgelöst durch eine markante Reduktion der Nahrungszufuhr, ist ein Risikofaktor, ebenso gastrointestinale Nebenwirkungen wie Übelkeit. Prävention und Therapie des Mikronährstoffmangels Präventiv sollte man dafür sorgen, dass Patienten in der Ernährungsberatung geschult werden, welche Nahrungsmittel empfehlenswert sind. Auf keinen Fall sollte eine PPI-Therapie zu lange erfolgen.
Bei Risikopatienten lohnt sich ein Screening auf einen Mangel an Mikronährstoffen. Gegebenenfalls kann während der Phase des Gewichtsverlustes auch ein Multivitaminpräparat verschrieben werden, später lohnt es sich eher, gezielt zu supplementieren, sofern der Patient compliant ist (13).
Bei gebrechlichen Patienten, raschem und markantem Gewichtsverlust, vor allem in Kombination mit Erbrechen ist an ein Vitamin-B1-Mangel, zu denken. Die Patienten können sich mit Delir, polyneuropathischen Beschwerden, Zeichen einer Herzinsuffizienz oder Visusveränderungen präsentieren. Im Falle einer Risikosituation und dem klinischen Verdacht ist der potentielle Mangel immer direkt zu vehandeln ohne die Laborbefunde abzuwarten.
Sehr viele Patienten haben einen normalen Kalziumspiegel, aber ein grenzwertiges bis tiefes Vitamin D sowie ein erhöhtes Parathormon im Sinne eines sekundären Hyperparathyreoidismus. Dies kann dadurch bedingt sein, dass Kalzium durch das Parathormon aus dem Knochen mobilisiert wird, wenn enteral zu wenig Kalzium resorbiert wer-
Weiterführende Literatur
Micronutrient Deficiencies in the Era of Second-Generation Incretin-Based Therapies for Obesity. Nutrients. 2026. (14)
den kann. Entsprechend müssen auch bei normalem Kalzium und Vitamin D substituiert werden. Die Patienten sollten ausserdem dazu angeregt werden, sich ausreichend und gezielt zu bewegen, um die Knochen- und Muskelmasse zu erhalten. Insbesondere bei Patienten ab 60 Jahren ist zudem ein dezidiertes Krafttraining zum Erhalt der Muskelmasse zu empfehlen.
Barbara Elke
Quelle: 10. SGAIM Frühjahrskongress, 20.–22.5.2026. «Malnutrition in patients using GLP-1-RA», Dr. med. Annic Baumgartner, Leitende Ärztin Endokrinologie, Co-Leiterin Kompetenzzentrum Ernährungsmedizin, Kantonsspital Aarau
Referenzen: 1. https://www.versorgungsatlas.ch/indicator/_026 2. Nutrition in Clinical Care, Edited by Peter Faber and Mario Siervo.
Cambridge University Press; 2014. ISBN: 9781139342452. doi:10.1017/CBO9781139342452 3. Swissmedic, Arzneimittelinformation 4. Rubino DM et al.: Effect of Weekly Subcutaneous Semaglutide vs Daily Liraglutide on Body Weight in Adults With Overweight or Obesity Without Diabetes: The STEP 8 Randomized Clinical Trial. JAMA. 2022;327(2):138–150. doi:10.1001/jama.2021.23619 5. Wilding JPH et al.: Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity. N Engl J Med. 2021;384(11):989-1002. doi:10.1056/NEJMoa2032183 6. Jastreboff AM et al.: Tirzepatide for Obesity Treatment and Diabetes Prevention. N Engl J Med. 2025;392(10):958-971. doi:10.1056/NEJMoa2410819 7. Kerlikowsky F et al.: GLP-1 Receptor Agonists – Good for Body Weight, Bad for Micronutrient Status?. Curr Dev Nutr. 2025;9(11):107587. Published 2025 Oct 30. doi:10.1016/j.cdnut.2025.107587 8. Baggio LL et al.: Glucagon-like peptide-1 receptors in the brain: controlling food intake and body weight. J Clin Invest. 2014;124(10):4223-4226. doi:10.1172/JCI78371 9. Halim MA et al.: Glucagon-Like Peptide-1 Inhibits Prandial Gastrointestinal Motility Through Myenteric Neuronal Mechanisms in Humans. J Clin Endocrinol Metab. 2018;103(2):575-585. doi:10.1210/jc.2017-02006 10. swissmedic.ch/dam/swissmedic/de/dokumente/zulassung/ swisspar-public/rybelsus-wirkstoff-semaglutide.pdf 11. Cymbal M et al.: Impact of GLP-1 Receptor Agonists on Whole-Gut Gastrointestinal Motility Using Wireless Motility Capsule: A Descriptive Single-Center Case Series. ACG Case Rep J. 2025;12(8):e01789. Published 2025 Aug 4. doi:10.14309/crj.0000000000001789 12. Jalleh RJ et al.: Clinical Consequences of Delayed Gastric Emptying With GLP-1 Receptor Agonists and Tirzepatide. J Clin Endocrinol Metab. 2024 Dec 18;110(1):1-15. doi:10.1210/clinem/dgae719. Erratum in: J Clin Endocrinol Metab. 2025 Sep 16;110(10):e3556. doi:10.1210/clinem/dgaf387 13. Koceva A et al.: Micronutrient Deficiencies in the Era of Second-Generation Incretin-Based Therapies for Obesity. Nutrients. 2026 Feb 19;18(4):677. doi:10.3390/nu18040677 14. Urbina J et al.: Micronutrient and Nutritional Deficiencies Associated With GLP-1 Receptor Agonist Therapy: A Narrative Review. Clin Obes. 2026;16(1):e70070. doi:10.1111/cob.70070 15. Scott Butsch W et al.: Nutritional deficiencies and muscle loss in adults with type 2 diabetes using GLP-1 receptor agonists: A retrospective observational study. Obes Pillars. 2025;15:100186. Published 2025 Jun 10. doi:10.1016/j.obpill.2025.100186
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