Transkript
ERNÄHRUNGSMEDIZIN
Ergänzende Massnahme oder ärztliche Kernkompetenz
Ernährungsmedizin im Fokus
Mangelernährung ist in der Schweiz kein Randphänomen. In internistischen Kliniken weisen 20–30 % der Patientinnen und Patienten ein Risiko dafür auf, in der Geriatrie und Onkologie sind es noch mehr. Eine frühzeitige Diagnose und individuelle Therapie sind wirksam und sollten daher stärker in den ärztlichen Fokus rücken, wie Prof. Philipp Schütz erläutert.
Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass Mangelernährung mit einer erhöhten Komplikationsrate, längerer Hospitalisationsdauer und erhöhter Mortalität assoziiert ist (1,2). Angesichts der zunehmenden Lebenserwartung und verbesserter Behandlungsmöglichkeiten chronischer Erkrankungen, insbesondere in der Onkologie, gewinnt die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Mangelernährung zunehmend an Bedeutung.
Definition der Mangelernährung ESPEN (European Society for Clinical Nutrition and Metabolism) definiert Mangelernährung als ein Defizit an Energie, Eiweiss und weiteren Nährstoffen, das zu Veränderungen der Körperzusammensetzung führt und den klinischen Verlauf negativ beeinflusst (3). In der Schweiz wird Mangelernährung im DRG-System über ein erhöhtes Risiko gemäss Nutritional Risk Screening (NRS) und eine Ernährungsintervention definiert (4).
Zunehmend setzt sich jedoch die GLIM (Global Leadership Initiative on Malnutrition)-Definition durch, die klare dia gnostische Kriterien enthält. Nach einem positiven Screening folgt ein diagnostisches Assessment.
Hierfür müssen mindestens ein phänotypisches Kriterium (Gewichtsverlust, niedriger Body-Mass-Index oder reduzierte Muskelmasse) sowie ein ätiologisches Kriterium (vermin-
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derte Nahrungsaufnahme beziehungsweise Resorption oder das Vorliegen einer Entzündung) erfüllt sein. Dieses Vorgehen ermöglicht eine standardisierte Diagnosestellung und Schweregradeinteilung (5).
Entzündung als zentraler pathophysiologischer Mechanismus Chronische Entzündungsprozesse gelten heute als wesentliche Treiber der krankheitsassoziierten Mangelernährung. Dabei beeinflussen proinflammatorische Zytokine die zentrale Appetit- und Sättigungsregulation sowie die Funktion des Gastrointestinaltrakts. Bereits geringe Nahrungsmengen können dadurch ein ausgeprägtes Sättigungsgefühl hervorrufen. Darüber hinaus fördern Entzündungsmediatoren die Entwicklung einer Insulinresistenz und beeinträchtigen verschiedene hormonelle Regelkreise. So wirkt sich beispielsweise ein erniedrigter Testosteronspiegel negativ auf Muskel- und Knochenmasse aus (6).
Risiko-Score Zur Identifikation von Risikopatienten wird im klinischen Alltag häufig der Nutritional Risk Score 2002 (NRS-2002) eingesetzt. Er basiert auf verschiedenen Fragen (4). • BMI < 20,5 kg/m²? • Gewichtsverlust innerhalb der letzten drei Monate? • Verminderte Nahrungsaufnahme in der letzten Woche? • Vorliegen einer schweren Erkrankung?
Evidenz für die Ernährungstherapie Für ernährungstherapeutische Interventionen besteht heute eine solide Evidenzbasis. Besonders hervorzuheben ist die randomisierte EFFORT-Studie (2), in der eine individualisierte Ernährungstherapie bei hospitalisierten internistischen Patienten zu einer signifikanten Reduktion schwerer Komplikationen und der Mortalität führte. Die Number Needed to Treat (NNT) beträgt 25 für schwere Komplikationen und 37 für die Mortalität (2,7,8).
Die Wirksamkeit ist damit mit etablierten medikamentösen Therapien vergleichbar, beispielsweise Simvastatin (NNT 30), Ramipril (NNT 56) oder Empagliflozin (NNT 25). Eine grosse Metaanalyse bestätigte diese Ergebnisse: Bei mangelernährten internistischen Patienten reduzierte die Ernährungstherapie die Mortalität um 27 %, in neueren Studien sogar um 53 % (9).
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ERNÄHRUNGSMEDIZIN
Tabelle 1: Toolbox für individualisiertes und evidenzbasiertes Mangelernährungsmanagement.
Wichtige Tools 1. NutriScreen: Ernährungsscreenings und Diagnose Instrumente 2. NutriCalc: Rechner für individuelle Proteinziele 3. NutriGo: Ernährungs Richtlinien für spezielle klinische Situationen 4. NutriPro: Umfassende in der Schweiz erhältliche Produktebank 5. NutriPlate: digitalisiertes Tellermodell, kann in der Ernährungsberatung
eingesetzt werden. 6. NutriRisk: Ursachen und Folgen der Mangelernährung berechnen
Quelle: https://clinicalnutrition.science/de/
Praktisches Vorgehen in der Ernährungstherapie Das Ziel der Ernährungstherapie ist die bedarfsgerechte Versorgung mit Energie, Makro- und Mikronährstoffen (10). Der Energiebedarf wird häufig mithilfe prädiktiver Formeln wie der Harris-Benedict-Gleichung berechnet. Bei ausgeprägtem Unter- oder Übergewicht muss eine Korrektur erfolgen. In komplexen klinischen Situationen kann auch eine indirekte Kalorimetrie zur genaueren Bestimmung des Energieverbrauchs eingesetzt werden. Der Proteinbedarf beträgt bei hospitalisierten Patienten in der Regel 1,2–1,5 g/kg Körpergewicht pro Tag. Bei eingeschränkter Nierenfunktion ohne Dialyse ist eine Anpassung auf etwa 0,8 g/kg Körpergewicht erforderlich. Ergänzend müssen Mikronährstoffdefizite identifiziert und gegebenenfalls substituiert werden.
Die Ernährungstherapie erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft, Pflegefachpersonen, Ernährungsberatung und Spitalküche. Bei den meisten Patienten kann der Bedarf durch eine optimierte orale Ernährung gedeckt werden. Werden weniger als 75 % des Bedarfs erreicht, wird eine enterale Ernährung empfohlen. Bei Resorptionsstörungen oder schweren gastrointestinalen Erkrankungen kann eine parenterale Ernährung erforderlich sein (2,10).
Zur Unterstützung stehen digitale Hilfsmittel für Screening, Bedarfsberechnung, Leitlinien und Produktinformationen zur Verfügung (Tabelle 1).
Risiko Refeeding Bei stark mangelernährten Patienten besteht das Risiko eines Refeeding-Syndroms. Der abrupte Übergang vom katabolen in einen anabolen Stoffwechselzustand kann einen latenten Mangel an Thiamin und Mineralstoffen klinisch relevant werden lassen. Klinische Manifestationen reichen von peripheren Ödemen bis hin zu schwerwiegenden kardiorespiratorischen Komplikationen. Daher sind ein schrittweiser Ernährungsaufbau sowie die prophylaktische Substitution von Thiamin und Mineralstoffen essenziell (11,12).
Risiko Overfeeding Eine übermässige Kalorien- oder Proteinzufuhr, insbesondere bei kritisch kranken Patienten, kann mit ungünstigen
klinischen Verläufen assoziiert sein. Studien zeigen, dass ein schrittweiser Ernährungsaufbau klinisch günstiger ist (13). Ein entscheidender Einflussfaktor ist die Entzündungsaktivität. Bei geringer bis moderater Entzündung bleibt der Nutzen der Ernährungstherapie erhalten, während er bei hohen Entzündungswerten deutlich abnimmt (14). Dies betrifft auch viele onkologische Patienten (15). Ein Mechanismus ist die Autophagie, ein zentraler zellulärer Reinigungs- und Recyclingprozess, der durch eine übermässige Eiweisszufuhr beeinträchtigt werden kann (16).
Ernährungsbiomarker Aktuell wird intensiv nach Biomarkern geforscht, die Dia gnose, Prognose oder Steuerung der Ernährungstherapie unterstützen könnten (17). Albumin gilt dabei nicht als verlässlicher Marker des Ernährungszustands, sondern reflektiert primär die Entzündungsaktivität (18). Die HarnstoffKreatinin-Ratio (UCR) kann Hinweise auf eine ineffiziente Eiweissverwertung liefern und ist mit einer erhöhten Mortalität assoziiert (19).
Auch hormonelle Marker könnten künftig an Bedeutung gewinnen. Bei unzureichender Nahrungsaufnahme versucht der Organismus, den Energieverbrauch zu senken, die Umwandlung von Thyroxin (T4) in das aktivere Trijodthyronin (T3) wird reduziert („Low-T3-Syndrom“) (20). Ghrelin, ein zentrales Hungerhormon, ist bei Mangelernährung häufig erhöht, ohne dass die Betroffenen vermehrt Hunger verspüren. Erhöhte Ghrelinspiegel bei Spitaleintritt sind mit einem besseren Erreichen der Ernährungsziele assoziiert, zeigen jedoch keinen Zusammenhang mit der Mortalität (21).
Beurteilung der Muskelmasse Die Muskulatur kann mittels verschiedener Verfahren quantifiziert werden. Die Muskelkraft kann durch den einfachen Handkrafttest (Handgrip) gemessen werden, die Muskelmasse beispielsweise mittels Bioimpedanzanalyse.
Ergänzend ermöglichen radiologische Untersuchungen, die während der Hospitalisation aus anderen Gründen gemacht wurden, eine Beurteilung von Muskelmasse und Muskelqualität, etwa des Grads der intramuskulären Verfettung (22).
Phänotypisierung Zukünftig werden bei Mangelernährung Indikation und Intensität der Ernährungstherapie zunehmend auf einer differenzierten Phänotypisierung der Patienten basieren. Dabei werden Entzündungsstatus, Krankheitsstadium und metabolische Situation berücksichtigt, um die Therapie individuell anzupassen (23).
Barbara Elke
Quelle: «Ernährungsmedizin: Ergänzende Massnahme oder ärztliche Kernkompetenz?» Prof. Philipp Schütz, Chefarzt Innere Medizin und Hausarztmedizin, Kantonsspital Aarau, Universität Basel. Frühjahrs kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin, 20.–22.5.2026, Lausanne.
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