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Rosenbergstrasse
Und schon sind wir seit Wochen drin, im Jahr 2026. Was es bringt, das neue Jahr? Noch etwas trunken denken wir zurück an die Festtage. Es gab tausend kluge Bemerkungen dazu. Zum Beispiel: «Es gibt nichts Neues auf der Welt (Original: «unter der Sonne»), es war alles schon mal da.» Oder: «Müh dich nicht um Geld und Besitz, sondern geniesse die Augenblicke des Glücks. Zunächst kommt eh alles anders, als man denkt, und am Ende vergeht eh alles.» Aber sind das nicht etwas wohlfeile Ratschläge von Menschen, denen es so gut geht wie den meisten von uns? Onkel Hugo hört zu, sagt aber (noch) nichts. Mit einer verdrückten Träne im Auge meint er bloss: «Ende Jahr ist Brigitte Bardot gestorben; zur Beerdigung ist Marine Le Pen eingeladen, aber nicht Macron.»
Warum sagt er das? Es ist vier Uhr morgens, klar, da ist alles erlaubt am Neujahrstag. Wir landen beim Flügelschlag des Schmetterlings, einer Winzigkeit, die, selbst wenn sie sich im Süden Feuerlands abspielt, ihre Wirkung hier bei uns entfaltet. Auch wenn nicht vorhersagbar, wie. Hugo schweigt noch immer.
Wir sprechen über «Ichigo ichie» – dank eines Hinweises aus einem Neujahrsgruss! Eine japanische Lebenshaltung, die lehrt, dass jede Begegnung (mit jemandem oder etwas), und sei sie noch so unscheinbar und alltäglich, unwiederbringlich ist und damit ein Moment, den man mit Achtsamkeit geniessen sollte. Dass man sich nicht von der Vergangenheit ablenken und der Zukunft beunruhigen lassen, sondern bei allem, was man tut, mit ganzem Herzen dabei sein und Gelegenheiten dann ergreifen sollte, wenn sie sich bieten, weil sie so nie mehr wiederkehren. Onkel Hugo ist beeindruckt, aber zweifelnd. Er wiegt mit dem Kopf.
Ein Freund, eher praktisch veranlagt, beklagt sich darüber, dass er die Bilder (Fotos, Dias) aus seiner Kindheit und Jugend, als es noch keine iPhones, sondern bloss teure Spiegelreflexkameras gab, nicht mehr ansehen könne. Sie seien, verglichen mit dem heute Gewohnten, technisch furchtbar schlecht. Unscharf, mit Farbstich. Protest: Aber es sind deine Bilder, wie unscharf sie auch sein mögen. Bilder von berühmten Fotografen wie Robert Capa oder Henri Cartier-Bresson wurden keine Ikonen der Menschheit wegen ihrer technischen Qualität. Und wenn dich die Technik stört, lass dir helfen von KI – und du wirst sehen, was du gewinnst – und was verloren geht. KI bringt dir den damaligen Augenblick nur scheinbar zurück.
Einwand des «Praktikers»: Was heisst Authentizität, wenn die Erinnerungen verblassen – mit den und wie die Farben des Papiers? Doch die Kritiker geben nicht auf. Ob die KI-aktivierten, farbig retuschierten und technisch wiederbelebten Cousinen, die fröhlich winken, und der längst verstorbene Cousin aus den schwarzweissen Fünfzigern, der dem virtuellen Fotografen zulächelt und Leben simuliert, wo mal welches war, aber längst nicht mehr ist, jenen flüchtigen Augenblick ersetzen können, der die letzten siebzig Jahre in einem sepiafarbenen Viereck mit zackigem Büttenrand festgehalten war? Man wird sich nicht einig. Ist KI Erinnerungshilfe oder manipulierte Wirklichkeit, die als echt und wahr ausgibt, was im Grunde genommen niemals mehr war? Prosecco, Bier und etwas Cognac helfen leider nicht, das Problem zu klären.
Ein vierter Freund (oder ist’s der dritte, na ja, Zahlen werden diese Nacht immer unwichtiger) zitiert eine ziemlich typische aktuelle Konversation: B. sinniert: «Niemand weiss heute mehr, was wirklich wahr ist.» – A. bestätigt: «Stimmt, das ist wahr.» – Und Z. zweifelt: «Glaubst du wirklich?»
Nächtliche Diskussionen können sich hinziehen. Und KI ist ohnehin gerade das Thema des Jahrzehnts (oder Jahrhunderts?). Von den Schwarzweiss-Helgen unserer Kindheit geht die Diskussion über zu den Reels in den Sozialen Medien. Kennst du den Video-Clip von der Landrover-Safari in Kenya, in dem ein Löwe hochspringt, den Fahrer am Hals schnappt und mit dem kreischenden Mann davonrennt? Oder das Video mit der braunroten Katze, die 15 Kilogramm wiegt? Oder … oder … A. gibt zu, er könnte sich die teils grässlichen, kurligen bis einfach nur verblüffenden Videos auf TikTok, YouTube oder wo auch immer stundenlang anschauen. Unterhaltung pur und endlos. Dabei seien, wendet jemand ein, inzwischen über 50 Prozent der Videos gefakt, nämlich KI-generiert: sogenannter «AI-slop» (slop = Müll). Genau wisse das natürlich niemand, weil niemand, nicht mal die cleverste KI, den Unterschied mehr erkennen könne (es sei denn, der Löwe habe fünf Beine). Und das sind nur die Unterhaltung-Clips. Erst bei den sexualisierten und den politischen Fakes wird’s richtig relevant. Wie umgehen mit der Erkenntnis: Es gibt keine Wahrheit mehr? Der Praktiker: Da hilft nur noch glauben! Die Skeptiker: Glaub’s ruhig! KI und der liebe Gott lachen dazu.
Onkel Hugo, endlich müde, fasst die Nacht zusammen: «Wunderbar nachdenkliche Gedanken zum Jahresanfang – und dann kam Trump …!»
Richard Altorfer
8 ars medici 1 | 2026