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Metainformationen


Titel
Die Insomnie als geriatrisches Syndrom
Untertitel
Unterdiagnostiziert und inadäquat behandelt
Lead
Schlaf trägt massgeblich zur körperlichen, kognitiven und emotionalen Gesundheit bei. Im höheren Alter gewinnen Schlafstörungen zunehmend an Bedeutung, da sie häufig auftreten und in enger Wechselwirkung mit Multimorbidität, funktionellen Einschränkungen und psychosozialen Faktoren stehen.
Datum
6. August 2026
Journal
ARS MEDICI 07/2026
Autoren
Leonie Dolder
Rubrik
MEDIZIN — BERICHTE
Schlagworte
Allgemeine Innere Medizin, Benzodiazepine, Geriatrie, Hausarztmedizin, Insomnie, kognitive Verhaltenstherapie, Schlaf, Schlafstörung, Schlafstörung bei Demenz, Z-Susbtanzen
Artikel-ID
84241
Kurzlink
https://www.rosenfluh.ch/84241
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Transkript


BERICHT

Unterdiagnostiziert und inadäquat behandelt
Die Insomnie als geriatrisches Syndrom
Schlaf trägt massgeblich zur körperlichen, kognitiven und emotionalen Gesundheit bei. Im höheren Alter gewinnen Schlafstörungen zunehmend an Bedeutung, da sie häufig auftreten und in enger Wechselwirkung mit Multimorbidität, funktionellen Einschränkungen und psychosozialen Faktoren stehen. Prof. Dr. Christophe Graf, Leiter und Chefarzt der Klinik für Rehabilitation und Geriatrie am Universitätsspital Genf, präsentierte am Quadrimed-Kongress aktuelle Erkenntnisse und klinische Erfahrungen zu altersbedingten Schlafveränderungen, Insomnie sowie deren Diagnostik und Therapie.

Die Insomnie stellt die häufigste Schlafstörung bei älteren Menschen dar. Sie ist mit einer Vielzahl negativer gesundheitlicher Folgen assoziiert, darunter Stürze, kognitive Beeinträchtigungen, depressive Symptome, reduzierte Lebensqualität und erhöhte Mortalität. Trotz dieser klinischen Relevanz wird die Insomnie im Alter häufig unterdiagnostiziert oder inadäquat behandelt. In der Praxis dominiert nicht selten eine symptomorientierte pharmakologische Therapie, insbesondere mit Benzodiazepinen oder verwandten Substanzen, obwohl deren Nutzen begrenzt und ihr Risikoprofil im geriatrischen Kontext ungünstig ist.
Physiologie des Schlafs und altersassoziierte Veränderungen Der menschliche Schlaf unterliegt im Verlauf des Lebens kontinuierlichen Veränderungen. Mit zunehmendem Alter kommt es zu einer Abnahme der Schlafhomöostase, d.h. der Fähigkeit, Schlafdruck aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig verändern sich die zirkadianen Rhythmen, insbesondere durch eine verminderte Funktion des suprachiasmatischen Nukleus und eine reduzierte nächtliche Melatoninsekretion. Typischerweise zeigen ältere Menschen eine verlängerte
KURZ UND BÜNDIG
• Die Insomnie im höheren Lebensalter ist ein häufiges, komplexes und klinisch hoch relevantes Problem.
• Sie ist als geriatrisches Syndrom zu verstehen und erfordert eine ganzheitliche, interdisziplinäre Herangehensweise.
• Nicht pharmakologische Massnahmen bilden die Grundlage jeder Behandlung und sollten konsequent priorisiert werden. Pharmakologische Therapien sind nur zurückhaltend, zeitlich begrenzt und unter sorgfältiger NutzenRisiko-Abwägung einzusetzen.
• Eine strukturierte, patientenzentrierte Betreuung kann wesentlich zur Verbesserung von Schlaf, Tagesfunktion und Lebensqualität älterer Menschen beitragen und gleichzeitig das Risiko unerwünschter Arzneimittel­ wirkungen reduzieren.

Einschlaflatenz, eine reduzierte Gesamtschlafdauer, eine Abnahme des Tiefschlafanteils sowie eine Zunahme nächtlicher Wachphasen, wie Prof. Graf erläuterte. Der Schlaf wird fragmentierter und weniger erholsam erlebt. Hinzu kommt häufig eine Phasenverfrühung des Schlaf-Wach-Rhythmus, die sich klinisch in frühem Einschlafen und frühem morgendlichem Erwachen äussert.
Diese Veränderungen sind primär physiologisch und nicht per se pathologisch. Entscheidend ist jedoch, dass sie häufig als belastend wahrgenommen werden und zu maladaptiven Verhaltensweisen führen können, etwa verlängertem Liegen im Bett, Tagschlaf oder der Einnahme von Hypnotika. Eine zentrale ärztliche Aufgabe besteht daher darin, altersbedingte Normvarianten von behandlungsbedürftigen Schlafstörungen abzugrenzen.
Epidemiologie und klinische Relevanz der Insomnie im Alter Epidemiologische Studien zeigen, dass über ein Drittel der Menschen über 65 Jahre über relevante Schlafprobleme berichtet; etwa 10% erfüllen die Kriterien einer chronischen Insomnie, wie Prof. Graf ausführte. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, ebenso Personen mit geringer körperlicher Aktivität, sozialer Isolation oder niedrigem sozioökonomischen Status. Von besonderer Bedeutung ist die enge Assoziation der Insomnie mit somatischen und neuropsychiatrischen Erkrankungen: In bis zu 83% der Fälle besteht eine relevante Komorbidität, darunter chronische Schmerzsyndrome, kardiopulmonale Erkrankungen, Nykturie, gastrointestinale Beschwerden, Depressionen, Angststörungen oder neurodegenerative Erkrankungen (1,2). Darüber hinaus spielt Polypharmazie eine wesentliche Rolle, da zahlreiche Medikamente schlafstörende oder sedierende Nebenwirkungen aufweisen können.
Die hohe Prävalenz der Insomnie im Alter sowie ihre weitreichenden Konsequenzen machen deutlich, dass es sich nicht um ein Randphänomen, sondern um ein zentrales geriatrisches Problem handelt, das eine systematische dia­ gnostische und therapeutische Herangehensweise erfordert.

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BERICHT

Definition und diagnostische Kriterien der Insomnie Nach den Kriterien des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) ist die Insomnie definiert als persistierende Schwierigkeit beim Ein- oder Durchschlafen oder als frühmorgendliches Erwachen mit Unfähigkeit zum Wiedereinschlafen. Die Symptome müssen mindestens drei Nächte pro Woche über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten bestehen und trotz adäquater Schlafgelegenheiten auftreten. Zusätzlich müssen relevante Beeinträchtigungen der Tagesfunktion vorliegen, etwa Müdigkeit, verminderte Konzentration, Gedächtnisstörungen, emotionale Dysregulation oder Einschränkungen der sozialen und beruflichen Leistungsfähigkeit.
Im höheren Lebensalter ist eine differenzierte Diagnostik essenziell. Neben einer ausführlichen Schlafanamnese sollten Tagesstruktur, körperliche Aktivität, Lichtexposition, psychosoziale Faktoren sowie die vollständige Medikation einschliesslich frei verkäuflicher Präparate erfasst werden, wie Prof. Graf erläuterte. Schlaftagebücher und standardisierte Fragebögen können die subjektive Wahrnehmung objektivieren. Apparative Untersuchungen wie Polysomnografie oder Aktigrafie sind gezielt einzusetzen, besonders bei Verdacht auf andere Schlafstörungen wie Schlafapnoe oder periodische Beinbewegungen.
Insomnie als geriatrisches Syndrom Die Insomnie des älteren Menschen sei als geriatrisches Syndrom zu verstehen, so Prof. Graf. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel multipler Faktoren und kann selten auf eine einzelne Ursache zurückgeführt werden. Multimorbidität, funktionelle Einschränkungen, kognitive Defizite, affektive Störungen, soziale Isolation und Polypharmazie wirken dabei häufig synergistisch.
Diese Perspektive hat wesentliche therapeutische Implikationen. Eine rein symptomorientierte Behandlung greift zu kurz und birgt die Gefahr unerwünschter Wirkungen. Ziel ist nicht primär die Normalisierung des Schlafs, sondern die Verbesserung der subjektiven Schlafqualität, der Tagesfunktion und der Lebensqualität. Studien legen nahe, dass eine als schlecht empfundene Schlafqualität sowie besonders lange oder durch Störungen geprägte Schlafmuster bei älteren Menschen deutlich mit einem vermehrten Auftreten von Frailty und Prä-Frailty zusammenhängen (3), wie Prof. Graf betonte. Daraus ergibt sich, dass Schlafprobleme einen bedeutsamen Risikofaktor für Gebrechlichkeit im höheren Lebensalter darstellen könnten und daher bei zukünftigen Präventions- und Interventionsmassnahmen berücksichtigt werden sollten.
Nicht pharmakologische Therapie: Grundlage jeder Behandlung Nicht pharmakologische Massnahmen stellen die Therapie der ersten Wahl bei Insomnie im Alter dar. Bereits in der Erstkonsultation sollten die Erwartungen der Patienten sowie gegebenenfalls der Angehörigen erfragt und realistische Therapieziele definiert werden, so Prof. Graf. Eine massgebliche Rolle spielt die Aufklärung über altersbedingte Schlafver-

änderungen, um Ängste abzubauen und maladaptive Verhaltensweisen zu vermeiden. Schlafhygienische Massnahmen umfassen regelmässige Schlaf-Wach-Zeiten, ausreichende Tageslichtexposition, körperliche Aktivität am Tag, Vermeidung von Koffein, Alkohol und Nikotin in den Abendstunden sowie die klare Trennung von Bett und wachheitsfördernden Aktivitäten. Auch die Begrenzung von Tagschlaf (maximal 20–30 Minuten, nicht nach 15 Uhr) und die Optimierung der Schlafumgebung sind essenziell.
Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie Die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (CBT-I) gilt als Goldstandard in der Behandlung der chronischen Insomnie (4–6). Sie kombiniert psychoedukative Massnahmen mit Stimuluskontrolle, Schlafrestriktion, kognitiver Umstrukturierung und Entspannungstechniken. Zahlreiche Studien belegen ihre Wirksamkeit auch bei älteren Menschen, sowohl hinsichtlich subjektiver als auch objektiver Schlafparameter. Zudem zeigt sich eine nachhaltige Reduktion hypnotischer Medikation.
Limitationen bestehen vor allem bei ausgeprägten kognitiven Einschränkungen oder mangelnder Verfügbarkeit spezialisierter Angebote. Dennoch sollten Elemente der CBT-I, insbesondere Psychoedukation und Schlafrestriktion, möglichst breit in der klinischen Praxis angewendet werden.
Benzodiazepine und Z-Substanzen Benzodiazepine und sogenannte Z-Drugs zeigen eine kurzfristige Wirksamkeit hinsichtlich Einschlaflatenz und Schlafdauer (7): Ihre Anwendung ist jedoch auf maximal zwei bis vier Wochen beschränkt. In der klinischen Realität werden sie häufig langfristig verordnet, was mit erheblichen Risiken einhergeht. Dazu zählen Abhängigkeit, Toleranzentwicklung, Stürze, Frakturen, Delirien, kognitive Verschlechterung und erhöhte Mortalität, wie Prof. Graf ausführte. Im geriatrischen Kontext überwiegen die Risiken in der Regel den Nutzen. Benzodiazepine sollten daher nur in Ausnahmefällen, zeitlich streng begrenzt und unter engmaschiger Kontrolle eingesetzt werden.
Melatonin und sedierende Antidepressiva Retardiertes Melatonin (2 mg) ist für die Behandlung der primären Insomnie ab dem 55. Lebensjahr zugelassen. Es verbessert die Einschlaflatenz, die Schlafkontinuität und die Schlafeffizienz. Das Nebenwirkungsprofil ist günstig, Abhängigkeit oder Toleranzentwicklung treten nicht auf (8,9). Der verzögerte Wirkungseintritt nach zwei bis drei Wochen erfordert eine sorgfältige Aufklärung der Patienten. Sedierende Antidepressiva wie Trazodon oder Mirtazapin können bei komorbider Depression oder Angststörung erwogen werden (10,11), sind jedoch nicht primär zur Behandlung der Insomnie zugelassen. Antipsychotika und anticholinerge Antihistaminika sollten aufgrund ihres ungünstigen NutzenRisiko-Profils möglichst vermieden werden (7). Pflanzliche Präparate wie Baldrian zeigen uneinheitliche Evidenz und sind allenfalls als additive Massnahme geeignet.

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BERICHT

Schlafstörungen bei Demenz Schlaf-Wach-Störungen sind bei Menschen mit Demenz häufig, treten oft früh im Krankheitsverlauf auf und verschlechtern sich mit Fortschreiten der Erkrankung (12–14). Typisch sind fragmentierter Nachtschlaf, Tagesschläfrigkeit, Inversion des Schlaf-Wach-Rhythmus und das sogenannte Sundowning (Zunahme von Verwirrtheit, Ängstlichkeit, Unruhe und teilweise aggressivem Verhalten bei Demenzkranken am späten Nachmittag oder frühen Abend). Diese Störungen belasten nicht nur die Betroffenen, sondern auch die pflegenden Angehörigen beträchtlich und beeinflussen massgeblich die Entscheidung zur institutionellen Betreuung. Nicht pharmakologische Interventionen stehen im Vordergrund. Dazu zählen Tagesstrukturierung, Förderung körperlicher Aktivität, soziale Interaktion, Lichttherapie und Anpassung der Umgebung. Die Evidenz für pharmakologische Therapien ist begrenzt, während das Risiko unerwünschter Wirkungen, insbesondere unter Antipsychotika und Benzodiazepinen, hoch ist. Medikamente sollten daher nur in klar begründeten Ausnahmefällen eingesetzt und regelmässig reevaluiert werden, wie Prof. Graf abschliessend betonte.
Leonie Dolder
Quelle: Quadrimed – Ärztekongress in Crans-Montana, «Der klinische Blick», 22.–24.1.2026, Crans Montana
Referenzen: 1. Bloom HG et al.: Evidence-based recommendations for the assessment
and management of sleep disorders in older persons. J Am Geriatr Soc. 2009;57(5):761-789. doi:10.1111/j.1532-5415.2009.02220.x 2. Stone KL et al.: Sleep, insomnia and falls in elderly patients. Sleep Med. 2008;9 Suppl 1:S18-S22. doi:10.1016/S1389-9457(08)70012-1 3. Sun XH et al.: Associations of sleep quality and sleep duration with frailty and pre-frailty in an elderly population Rugao longevity and ageing study. BMC Geriatr. 2020;20(1):9. doi:10.1186/s12877-019-1407-5

4. Lovato N et al.: Evaluation of a brief treatment program of cognitive behavior therapy for insomnia in older adults. Sleep. 2014;37(1):117-126. doi:10.5665/sleep.3320
5. Morin CM et al.: Randomized clinical trial of supervised tapering and cognitive behavior therapy to facilitate benzodiazepine discontinuation in older adults with chronic insomnia. Am J Psychiatry. 2004;161(2):332-342. doi:10.1176/appi.ajp.161.2.332
6. Montgomery P, Dennis J: Cognitive behavioural interventions for sleep problems in adults aged 60+. Cochrane Database Syst Rev. 2003;(1):CD003161. doi:10.1002/14651858.CD003161
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9. Jansen SL et al.: Melatonin for cognitive impairment. Cochrane Database Syst Rev. 2006;2006(1):CD003802. doi:10.1002/14651858.CD003802.pub3
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11. By the American Geriatrics Society 2015 Beers Criteria Update Expert Panel. American Geriatrics Society 2015 Updated Beers Criteria for Potentially Inappropriate Medication Use in Older Adults. J Am Geriatr Soc. 2015;63(11):2227-2246. doi:10.1111/jgs.13702
12. Peter-Derex L et al.: Sleep and Alzheimer's disease. Sleep Med Rev. 2015;19:29-38. doi:10.1016/j.smrv.2014.03.007
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14. Martin JL et al.: Sleep quality in residents of assisted living facilities: effect on quality of life, functional status, and depression. J Am Geriatr Soc. 2010;58(5):829-836. doi:10.1111/j.1532-5415.2010.02815.x.

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