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BERICHT
RSV-Schutz für Neugeborene
Was spricht für die maternale Impfung?
Um Neugeborene vor dem Respiratorischen Synzytialvirus (RSV) zu schützen, kann man bei einem Geburtstermin von Oktober bis März entweder die Schwangere rechtzeitig impfen oder dem Neugeborenen einen monoklonalen Antikörper verabreichen. Am Schweizer Impfkongress informierte PD Dr. med. Ladina Vonzun, Klinik für Geburtshilfe am Universitätsspital Zürich, über die maternale Impfung und deren Akzeptanz seitens der Schwangeren.
Um Neugeborene vor RSV zu schützen, gibt es zwei Möglichkeiten: eine Impfung der Schwangeren in den Schwangerschaftswochen 32+0 bis 36+0 (Abrysvo®) oder die passive Immunprophylaxe für Neugeborene mit dem monoklonalen Antikörper Nirsevimab (Beyfortus®). Beide Strategien gelten hinsichtlich Sicherheit und Wirksamkeit als gleichwertig, beide werden von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung bezahlt, und seit 1. Januar 2026 sind Impfungen von der Franchise befreit.
Am Universitätsspital Zürich kam in den ersten zwei Monaten der RSV-Saison 2025/2026 bei 90% der Neugeborenen eine der beiden RSV-Schutz-Strategien zum Einsatz. «Diese 90% müssen unser gemeinsames Mindestziel sein», appellierte PD Dr. Vonzun an die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in der Praxis.
Empfehlungen gemäss Geburtstermin Liegt der Geburtstermin zwischen 1. Oktober und 31. März, ist die Impfung der Schwangeren in der 32+0 bis 36+0 Schwangerschaftswoche (SSW) von Oktober bis Februar eine Option. Die mütterlichen Antikörper gegen RSV gehen durch die Plazenta auf das Kind über und schützen es unmittelbar nach der Geburt. Die Impfung der Schwangeren sollte mindestens 14 Tage vor dem errechneten Geburtstermin erfolgen, besser ist ein Intervall von mindestens 5 Wochen.
KURZ UND BÜNDIG
• Bei einem Geburtstermin zwischen Oktober und März gibt es zwei Alternativen für den RSV-Schutz des Neugeborenen: die Impfung der Schwangeren mit Abrysvo® von Oktober bis Februar oder die Gabe des monoklonalen Antikörpers Beyfortus® an den Säugling nach der Geburt.
• Die Impfung sollte zwischen der SSW 32+0 und 36+0 angeboten werden.
• Idealerweise sollte die Impfung möglichst früh erfolgen, in der 32. SSW bzw. ≥5 Wochen vor der Geburt.
• Falls weniger als 14 Tage zwischen der Impfung und der Geburt liegen, ist das Neugeborene nicht geschützt. In diesem Fall sollte es den monoklonalen Antikörper erhalten.
Nicht empfohlen wird derzeit, bei nachfolgenden Schwangerschaften erneut mit Abrysvo® zu impfen. «Dafür gibt es heute keine ausreichenden Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit», sagte PD Dr. Vonzun.
Liegt der Geburtstermin zwischen 1. April und 30. September, würde die RSV-Impfung der Schwangeren für den Schutz des Neugeborenen nicht für die RSV-Saison im Herbst ausreichen. In diesem Fall soll das Kind 1 Dosis Nirsevimab im Oktober, also zu Beginn seiner ersten RSV-Saison erhalten.
Normalerweise wird die Nirsevimab-Gabe nicht mit der maternalen Impfung kombiniert. Ausnahmen sind folgende Situationen: weniger als 14 Tage zwischen mütterlicher Impfung und Geburt, Frühgeburt (≤37+0 SSW) oder schwere Erkrankungen des Neugeborenen.
Eine Zusammenfassung der aktuellen Empfehlungen bietet der Expertenbrief der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (1), der in der Ausgabe 4/2025 abgedruckt wurde (s. Linktipp).
Gute Gründe für die maternale Impfung «Es gibt gute Gründe, die maternale Impfung zu empfehlen», sagte PD Dr. Vonzun. Einer davon ist der natürliche, durch mütterliche Antikörper vermittelte Nestschutz. Dieser Antikörpertransfer steigt im Lauf der Schwangerschaft. «Je reifer die Plazenta wird, umso mehr Antikörper werden übertragen», sagte die Referentin. Gleichzeitig muss vor der Geburt auch noch genügend Zeit bleiben, damit die Antikörper vom mütterlichen Immunsystem produziert und über die Plazenta transportiert werden können. Dadurch ergibt sich ein optimales Zeitfenster für die Impfung. PD Dr. Vonzun betonte, dass man die Schwangere so früh wie möglich im empfohlenen Zeitfenster impfen sollte, am besten gleich in der 32+0 SSW.
In der Zulassungsstudie des maternalen Impfstoffs zeigte sich eine Wirksamkeit von 81,8% gegenüber schweren Erkrankungen der unteren Atemwege des Neugeborenen in den ersten 3 Monaten (2). Nach ihrer Erfahrung seien für Schwangere weitere Argumente für die maternale Impfung besonders wichtig, sagte die Referentin: • Das Kind muss nicht gestochen werden. • Der Impfstoff geht nicht auf das Kind über, sondern es ist
das Immunsystem der Mutter, das aktiviert wird.
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• Das aktivierte Immunsystem der Mutter produziert Antikörper und entwickelt damit einen Schutz gegen RSV, welcher in einem natürlichen Prozess über die Plazenta von der Mutter auf das Baby übertragen wird.
Wirksamkeit und Nebenwirkungen der Impfung Im Rahmen der randomisierten, doppelblinden Zulassungsstudie MATISSE (Maternal Immunization Study for Safety and Efficacy) wurden 3682 Schwangere mit Abrysvo® geimpft und 3676 mit einem Plazebo (2).
Eine schwere Erkrankung der unteren Atemwege innert 90 Tagen nach der Geburt trat bei 6 Säuglingen in der Impfgruppe und bei 33 Säuglingen in der Plazebogruppe auf. Das entspricht einer 3-Monats-Wirksamkeit der Impfung von 81,8% (99,5%-Konfidenzintervall [KI]: 40,6-96,3). Nach 6 Monaten (180 Tage) zählte man 19 erkrankte Säuglinge in der Impfgruppe gegenüber 62 in der Plazebogruppe, was einer 6-Monats-Wirksamkeit von 69,4% entspricht (97,58%KI: 44,3-84,1) (2).
Eine weniger schwere, aber behandlungsbedürftige RSVassoziierte Erkrankung der unteren Atemwege innert 90 Tagen wurde bei 24 Säuglingen in der Impfgruppe und bei 56 Säuglingen in der Plazebogruppe dokumentiert (Wirksamkeit: 57,1%; 99,5%-KI: 14,7-79,8).
Bei den geimpften Müttern waren lokale Nebenwirkungen (Rötung, Schwellung, Schmerzen an der Injektionsstelle) etwas häufiger als in der Plazebogruppe, das gleiche galt für Muskel- und Kopfschmerzen. Bei allen anderen Nebenwirkungen gab es weder bei den Müttern noch bei den Kindern wesentliche Unterschiede zwischen der Impf- und der Plazebogruppe (2).
Erhöhte Frühgeburtlichkeit? Aufmerksamkeit erweckte jedoch, dass in der MATISSEStudie der Anteil der Frühgeburten in der Impfgruppe höher war als in der Plazebogruppe (5,7% vs. 4,7%; RR: 1,20, 95%-KI: 0,98-1,46) (2). Deshalb wurde diesem Aspekt in einer weiteren Datenauswertung im Detail nachgegangen (3).
Bei den meisten Frühgeborenen handelte sich um späte Frühgeburten (34+0 bis <37+0 SSW).
Die Studie lief in 18 Ländern weltweit. Auffällig waren vor allem zwei Länder, Argentinien und Südafrika. Betrachtete man hingegen nur die Daten in den «High-income»-Ländern (Australien, Kanada, Chile, Dänemark, Finnland, Japan, Südkorea, Niederlande, Neuseeland, Spanien, Taiwan, USA), fand sich zwischen der Impf- und der Plazebogruppe kein Unterschied bei den Frühgeburtsraten (5% in beiden Gruppen) (3).
Die Ursache dieses Phänomens ist bis anhin unbekannt. Die Studienautoren spekulieren, dass möglicherweise die gleichzeitig während der Studie herrschende COVID-19- Pandemie mit je nach Region unterschiedlichen Infektionsraten eine Rolle gespielt haben könnte. Eine andere Erklärung sei möglicherweise, dass in reicheren Ländern häufiger Ultraschalluntersuchungen stattfinden, so dass dort das tatsächliche Gestationsalter exakter bestimmt worden sein könnte.
LINKTIPP
SGGG-Expertenbrief No. 91 Prävention der Infektionen durch RSV in der Schwangerschaft und postpartal.
gynäkologie 4/2025
Generell zeigte sich, dass die Frühgeburtenraten in allen Ländern in der Studie niedriger lagen als im Allgemeinen, was wiederum an der Aufnahmekriterien der MATISSE-Studie gelegen haben dürfte (3).
Real-World-Daten geben Grund zur Entwarnung In einer retrospektiven Studie an Stadtspitälern in New York war die Frühgeburtenrate in der Impfgruppe niedriger als bei den ungeimpften Schwangeren (4).
Ausgewertet wurden die Daten von 2973 Geburten von Ende September 2023 bis Ende Januar 2024. Pränatal gegen RSV geimpft waren 1026 Schwangere (34,5%). Die Rate der Frühgeburten (<37+0 SSW) war bei den pränatal geimpften Schwangeren mit 5,9% geringer als bei den nicht geimpften mit 6,7% (Hazard Ratio [HR]: 0,93; 95%-KI: 0,64-1,34) (4).
Zusammenfassend könne gemäss der Literatur zum Thema Frühgeburt Entwarnung gegeben werden, sagte die Referentin: «Zwischenzeitlich haben wir gute Daten dazu. Natürlich behalten wir das aber im Hinterkopf.»
Was wählen die Mütter? Bei Geburtsterminen zwischen Oktober und März, scheint es bei den Schwangeren einen Trend zugunsten der Impfung zu geben.
So zeigt die Statistik der Universität von Kalifornien in San Francisco, dass 80 bis 90% der Neugeborenen von November 2023 bis März 2024 (d.h. kurz nach der Einführung der Impfung) mittels monoklonalem Antikörper oder mittels maternaler Impfung vor RSV geschützt wurden. Die Impfung der Mutter wurde dabei mit grosser Mehrheit deutlich häufiger gewählt (5).
In der Schweiz könnte sich eine ähnliche Tendenz abzeichnen. Erste Zahlen der Klinik für Geburtshilfe des Universitätsspitals Zürich zeigen, dass die mütterliche Impfung eine hohe Akzeptanz erfährt.
Renate Bonifer
Quelle: PD Dr. med. Ladina Vonzun: «RSV-Impfung in der Schwangerschaft», Schweizer Impfkongress in Basel, 28. November 2025.
Referenzen: 1. Baud D et al.: Prävention der Infektionen durch RSV in der Schwanger-
schaft und postpartal. gynécologie suisse Expertenbrief No. 91 (Aktualisierung September 2025). gynäkologie. 2025;30:28-30. https://www.rosenfluh.ch/gynaekologie-2025-04 2. Kampmann B et al.: Bivalent Prefusion F Vaccine in Pregnancy to Prevent RSV Illness in Infants. N Engl J Med. 2023;388(16):1451-1464. doi:10.1056/NEJMoa2216480
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BERICHT
3. Madhi SA et al.: Preterm Birth Frequency and Associated Outcomes From the MATISSE (Maternal Immunization Study for Safety and Efficacy) Maternal Trial of the Bivalent Respiratory Syncytial Virus Prefusion F Protein Vaccine. Obstet Gynecol. 2025;145(2):147-156. doi:10.1097/AOG.0000000000005817
4. Son M et al.: Nonadjuvanted Bivalent Respiratory Syncytial Virus Vaccination and Perinatal Outcomes. JAMA Netw Open. 2024;7(7):e2419268. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.19268
5. Blauvelt CA et al.: Respiratory Syncytial Virus Vaccine and Nirsevimab Uptake Among Pregnant People and Their Neonates. JAMA Netw Open. 2025;8(2):e2460735. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.60735
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