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Metainformationen


Titel
Orthomolekulare Medizin: Evidenz-Update von Omega-3-Fettsäuren
Untertitel
-
Lead
Am Women’s Health Congress in Fribourg zeigte Prof. Dr. Petra Stute vom Inselspital Bern anhand einer von ihr durchgeführten systematischen Übersichtsarbeit auf, welche Frauen von einer Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren profitieren könnten.
Datum
29. Oktober 2026
Journal
ARS MEDICI 10/2026
Autoren
Susanna Steimer Miller
Rubrik
MEDIZIN — BERICHTE
Schlagworte
Allgemeine Innere Medizin, Hausarztmedizin, Omega-3-Fettsäuren, Orthomolekulare Medizin, Supplementierung, Women's Health Congress
Artikel-ID
84520
Kurzlink
https://www.rosenfluh.ch/84520
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Transkript


BERICHT
Orthomolekulare Medizin
Evidenz-Update von Omega-3-Fettsäuren
Am Women’s Health Congress in Fribourg zeigte Prof. Dr. Petra Stute vom Inselspital Bern anhand einer von ihr durchgeführten systematischen Übersichtsarbeit auf, welche Frauen von einer Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren profitieren könnten.

In der Schweiz sind schwere, irreversible Mangelerscheinungen durch Mikronährstoffdefizite heute sehr selten. Häufig sind jedoch unspezifische Symptome, die auf eine Unterversorgung mit Mikronährstoffen zurückzuführen sein können. Dazu zählen zum Beispiel allgemeine psychische, vegetative und körperliche Symptome wie Müdigkeit, Schwäche, Antriebslosigkeit, Konzentrationsstörungen, Schlafs­ törungen und erhöhte Infektanfälligkeit. Diese Symptome werden laut Prof. Stute oft vorschnell mit der Menopause assoziiert. Die stellvertretende Chefärztin Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin berichtete, dass viele Patientinnen unter Hormonersatztherapie zwar eine Besserung erfahren, sich jedoch weitere Optimierungen wünschen – hier könnte der Einsatz von Mikronährstoffen (siehe Kasten nächste Seite) sinnvoll sein. In ihrem Vortrag fokussierte sich die Fachärztin mit Zusatzausbildung in orthomolekularer Medizin auf die Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren.
Ungesättigte Fettsäuren Ungesättigte Fettsäuren sind essenziell, da sie vom Körper nichtselbsthergestelltwerdenkönnen.Einfach­ungesättigte Fettsäuren finden sich u.a. in Olivenöl, Rapsöl, Avocado, Nüssen und Samen. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren wer-
Take Home Messages
• Die orthomolekulare Medizin ist angewandte Biochemie: Sie nutzt physiologische Mikronährstoffe, um die Gesundheit zu erhalten und das Krankheitsrisiko zu senken.
• Der Omega-3-Index ist ein validierter Biomarker, der den EPA- und DHA-Status in den Membranen roter Blutkörperchen widerspiegelt und eng mit dem kardiovaskulären Risiko verknüpft ist. Ein Index von 8–11% ist mit weniger kardiovaskulären Ereignissen und einer reduzierten Gesamtmortalität assoziiert, während Werte < 4% ­ungünstig sind. • Das Erreichen des Zielbereichs erfordert in der Regel etwa 1000–1300 mg EPA + DHA pro Tag, abhängig vom Ausgangswert und der verwendeten Formulierung. • Bei Patientinnen ist die Akzeptanz und Verträglichkeit einer Mikronährstofftherapie hoch. den in Omega-3 und Omega-6 unterteilt, wobei ein Verhältnis von 1:1 bis 1:4 als optimal gilt (1). Die westliche Ernährung ist meist reich an Omega-6-­ Fettsäuren, weshalb der Omega-3-Zufuhr besondere Aufmerksamkeit gelten sollte. Omega-3-Fettsäuren umfassen Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) (z.B. in fettem Fisch) sowie Alpha-Linolensäure, die in Nüssen, Olivenöl und Soja enthalten sind. Alpha-Linolensäure kann begrenzt in EPA und DHA umgewandelt werden. Omega-6Fettsäuren bestehen aus Linolsäure (in Pflanzenöl), GammaLinolensäure (in Nachtkerzenöl, Schwarzen Johannisbeeren) und Arachidonsäure (in Fleisch und Milch). Der optimale Anteil Vor einer Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren (z.B. mit Icosapent-Ethyl/Vazkepa®) empfiehlt Prof. Stute, den Omega3-Index zu ermitteln, der den Anteil von EPA und DHA in den Membranen der Erythrozyten angibt. Der Index gilt als ­etablierter Marker für das kardiovaskuläre Risiko sowie für den Status langkettiger Omega-3-Fettsäuren. Ein Wert von 8–11% ist optimal und mit einem reduzierten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und Gesamtmortalität verbunden (2,3). Werte unter 4% sind ungünstig. Um eine klinisch relevante Erhöhung des Omega-3-Indexes in den Zielbe­reich zu erreichen, sind in der Regel tägliche Dosen von etwa 1000–1300 mg EPA + DHA erforderlich – unabhängig von der Quelle (4,5). Omega-3-Fettsäuren und die wissenschaftliche Evidenz Für eine systematische Übersichtsarbeit zu den Effekten von Omega-3-Fettsäuren nutzte Prof. Stute die AI-basierte Suche Elicit, die auf über 138 Millionen wissenschaftlichen Publi­ kationen basiert. Insgesamt wurden 498 relevante Arbeiten identifiziert, von denen aufgrund methodischer Limitationen die 80 hochwertigsten Studien in die Analyse einbezogen wurden. Dabei handelte es sich überwiegend um randomisierte kontrollierte Studien, systematische Reviews, Metaanalysen und Beobachtungsstudien, meist aus Hochlohnländern. Untersucht wurden vor allem marine Omega-3- Fettsäuren (EPA und DHA) in Dosierungen von 0,5 bis über 5 g/Tag mit Studiendauern zwischen 4 Wochen und 6 Jahren, wobei ars medici  10 | 2026 481 BERICHT kardiovaskuläre Endpunkte in der Regel eine Nachbeobachtungszeit von mindestens 12 Monaten erforderten (6). Mortalität und kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD) Omega-3-Fettsäuren zeigten keinen relevanten Effekt auf die Gesamtmortalität (RR 0,97; 95%-KI 0,93–1,01), jedoch moderate Evidenz für eine geringe Reduktion der kardiovaskulären Mortalität (RR 0,92; 95%-KI 0,86–0,99) und koro­ narer Ereignisse (RR 0,91; 95%-KI 0,85–0,97). Der Nutzen war dosisabhängig, vor allem bei > 1 g/Tag, mit grösserer Wirksamkeit von EPA-Monotherapie gegenüber EPA+DHA. Am konsistentesten war eine Triglyzeridsenkung um 15–30% (6).

Psychiatrische Erkrankungen Prof. Stute bestimmte in der Vergangenheit bei Frauen mit depressiven Symptomen den Omega-3-Index und ging von einem Nutzen von Omega-3-Fettsäuren aus. Die Evidenz sei jedoch uneinheitlich, und die klinische Relevanz möglicher Verbesserungen bleibe unklar. Für die Alzheimer-Erkrankung besteht derzeit kein nachweisbarer Nutzen. Ein präventiver Effekt bei Psychosen zeigte sich nur bei Jugendlichen (7).
Evidenz-Update in der Gynäkologie und Geburtshilfe Studienergebnisse zur Supplementierung von Omega-3Fettsäuren in der Schwangerschaft sind positiv. So reduzieren Omega-3-Fettsäuren das Risiko für Präeklampsie, Früh-

Klinische Empfehlungen nach Population

Starke Evidenz für einen Nutzen: •  Senkung der Triglyzeride (dosisabhängig) •  Prävention von Frühgeburten •  Reduktion koronarer Herzerkrankungen in der Sekundärprä-
vention bei Dosierungen > 1 g/Tag
Moderate Evidenz für einen Nutzen: •  Reduktion der kardiovaskulären Mortalität •  Prävention des Myokardinfarkts •  Prävention von Psychosen bei Jugendlichen mit ultrahohem
Risiko
Kein klarer Nutzen: •  Gesamtmortalität •  Schlaganfallprävention •  Behandlung oder Prävention von Depressionen •  Demenzbehandlung •  Claudicatio intermittens (Schaufensterkrankheit)
Potenzieller Schaden: •  Vorhofflimmern •  Erhöhtes Blutungsrisiko bei EPA-Monotherapie •  Übertragene Schwangerschaft (postterm)

Wie unterscheiden sich die empfohlenen Dosierungen von Omega-3-Fettsäuren aus Algen und aus Fisch? Die empfohlenen Dosierungen von EPA und DHA sind für Algen und Fischöl identisch (18–20). Internationale Fachgesellschaften (z.B. American Heart Association, Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) empfehlen für gesunde Erwachsene mindestens 250 mg EPA + DHA täglich zur kardiovaskulären Prä­ vention (21). Bei Hypertriglyzeridämie werden vom American College of Cardiology 4 g EPA + DHA pro Tag empfohlen (22).
Welche Nebenwirkungen treten bei Omega-3-Supplementen häufig auf? Algenbasierte Omega-3-Präparate verursachen häufiger gastrointestinale Beschwerden (z.B. Durchfall, Übelkeit) und können den Harnsäurespiegel erhöhen (23,24). Fischbasierte Omega-3Fettsäuren haben oft einen fischigen Geschmack. Sie können Aufstossen und gelegentlich Hautreaktionen wie Juckreiz oder Ekzeme verursachen (25,26). Schwere Nebenwirkungen sind bei beiden Supplementen selten (27).
Algenöl ist therapeutisch gleichwertig, jedoch oft besser verträglich und sicherer und daher besonders geeignet für Schwangere, Kinder, Allergiker und Personen mit erhöhter Schadstoffexposition.

Vier häufig gestellte Fragen zu Omega-3-Fettsäuren Was ist der Unterschied zwischen Omega-3-Fettsäuren aus Algen und aus Fisch? Omega-3-Fettsäuren aus Algen und Fisch unterscheiden sich vor allem in der Herkunft, nicht in Struktur oder Bioverfügbarkeit. EPA und DHA werden von Mikroalgen gebildet und reichern sich über die Nahrungskette im Fisch an (10,11). Mikroalgenöl ist eine vegane und nachhaltige Alternative, die nicht mit marinen Schadstoffen (Schwermetalle oder organische Umweltgifte) belastet ist (12,13). Es enthält meist mehr DHA und zusätzliche bioaktive Substanzen (z.B. Carotinoide) und weist eine geringere Oxidationsneigung als Fischöl auf (14-17).

Welche Wechselwirkungen mit häufig verordneten Medikamenten sind für Omega-3-Nahrungsergänzungsmittel bekannt? Algen- und fischbasierte Omega-3-Supplemente zeigen vergleichbare Wechselwirkungen. Algenbasierte Omega-3Nahrungsergänzungsmittel können bei gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern die Blutungsneigung leicht erhöhen, die Triglyzeridsenkung in Kombination mit Statinen verstärken (3,26,28,29). Ansonsten sind sie therapeutisch gleichwertig wie Fischöl. Weitere klinisch relevante Wechselwirkungen sind nicht bekannt.

482 ars medici  10 | 2026

BERICHT

Orthomolekulare Medizin
Die orthomolekulare Medizin dient der Erhaltung der Gesundheit und der Behandlung von Krankheiten, indem die Konzentration von Sub­ stanzen im menschlichen Körper verändert wird, die natürlicherweise im Körper vorkommen und für die Gesundheit notwendig sind (Linus Pauling, 1901–1994). Diese Substanzen, zu denen Vitamine, Vitaminoide, Mineralstoffe, Spurenelemente, Aminosäuren, Fettsäuren, Enzyme, sekundäre Pflanzenstoffe, Pro- und Präbiotika sowie Ballaststoffe gehören, werden auch Mikronährstoffe genannt. Im Gegensatz zu Makronähr­ stoffen liefern Mikronährstoffe keine Energie, sind jedoch essenziell für katabole und anabole Reaktionen im Körper.
geburten und ein niedriges Geburtsgewicht (8). Bei polycystischem Ovarialsyndrom zeigen sich positive Effekte auf psychische Symptome, den Insulinstoffwechsel, Testosteron, Hirsutismus sowie entzündliche Marker (9).
Mikronährstoffe in der gynäkologischendokrinologischen und menopausalen Praxis Für einige Indikationen ist die Mikronährstoff-Supplemen­ tierung etabliert, z.B. Calcium/Vitamin D bei Osteoporose und Eisen bei Haarausfall (Ferritin < 70 μg/L). Weniger bekannt sind Anwendungen wie 5-Hydroxytryptophan zur Stimmungsverbesserung oder Glucosaminsulfat bei Gelenkschmerzen. Bei unspezifischen Symptomen des Zentralnervensystems (z.B. Stimmungsschwankungen oder Motivationsmangel ohne Erfüllung der Kriterien einer psychiatrischen Erkrankung) kann ein Neurostress-Profil (Speichel/Urin) als Grundlage für eine individualisierte Mikronährstofftherapie dienen. Studien zeigen eine hohe Akzeptanz, die eng mit der wahrgenommenen Wirksamkeit verbunden ist (30,31). Susanna Steimer Miller Quelle: Women’s Health Congress 2026, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie, Kontrazeption und Menopause (SGEM), 21./22. Januar 2026, Fribourg Referenzen: 1. 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