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FOKUS PÄDIATRIE
Chancen, Grenzen und praktische Umsetzung nach dem Rückzug von Palforzia®
Orale Immuntherapie bei Nahrungsmittelallergien im Kindesalter
Die orale Immuntherapie (OIT) ist heute ein fester Bestandteil der pädiatrischen Allergologie. Sie bietet ausgewählten Kindern mit Nahrungsmittelallergien eine realistische Möglichkeit, das Risiko schwerer Reaktionen zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern. Dieser Beitrag gibt einen praxisnahen Überblick über Konzept, Ablauf und aktuelle Möglichkeiten der OIT bei Nahrungsmittelallergien – auch nach dem Wegfall von Palforzia®.
Maria Breiding, Johannes Trück
Nahrungsmittelallergien gehören zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter und stellen betroffene Kinder und ihre Familien im Alltag vor
Herausforderungen (1,2). Eine konsequente Auslassdiät
schützt zwar vor allergischen Reaktionen, kann die Lebens-
qualität jedoch erheblich einschränken. Die Angst vor unbe-
absichtigter Exposition, soziale Isolation
sowie Einschränkungen bei Freizeitak-
tivitäten und Reisen belasten Kinder
und Familien gleichermassen (3,4).
Vor diesem Hintergrund hat sich
die orale Immuntherapie (OIT) in
den letzten Jahren zunehmend als
wirksame Behandlungsoption eta-
bliert (5). Im Jahr 2021 wurde mit
Palforzia® das erste standardisierte
Maria Breiding
(Foto: zVg)
OIT-Produkt für die Erdnussallergie zugelassen. Sein Rückzug vom
Markt im Jahr 2026 wirft jedoch
Fragen zur praktischen Umsetzung
der OIT auf.
Ziele und Grundprinzipien
der oralen Immuntherapie
Ziel der OIT ist in erster Linie die
Erhöhung der individuellen Reak-
tionsschwelle. Dadurch soll das
Risiko von schweren allergischen
Reaktionen bei unbeabsichtigter
Johannes Trück
(Foto: zVg)
Exposition reduziert und die Lebensqualität verbessert werden.
Die Therapie beruht auf einer
schrittweisen Gewöhnung an das
auslösende Nahrungsmittel durch täglich eingenommene,
langsam gesteigerte Mengen. Eine Toleranz gegenüber
dem Nahrungsmittel unter laufender Therapie mit regel-
mässiger Einnahme wird als Desensibilisierung bezeichnet,
die Erfolgschancen hierfür sind mit circa 60–90% hoch
(6–9). Eine Remission, also eine anhaltende Toleranz auch
nach Pausieren der Einnahme, wird deutlich seltener erreicht. In der Praxis ist deshalb in der Regel langfristig eine regelmässige Einnahme erforderlich. Nach einer meist ein- bis zweijährigen Erhaltungstherapie und Bestätigung der Desensibilisierung im Provokationstest kann die weitere Einnahme im Alltag häufig regelmässig, aber ohne feste Vorgaben, sowie ohne besondere Vorsichtsmassnahmen erfolgen. Für die meisten Familien ist dies gut umsetzbar. Entscheidend ist jedoch, dass realistische Therapieziele bereits vor Therapiebeginn klar besprochen werden.
Ablauf der Therapie im klinischen Alltag Je nach Zentrum und Allergen unterscheiden sich die Protokolle, meist folgt die OIT jedoch einem dreiphasigen Schema (Abbildung 1): 1. Therapieeinleitung: Zu Beginn kann eine orale Nahrungs-
mittelprovokation sinnvoll sein, um die Reaktionsschwelle zu bestimmen. Gleichzeitig hilft sie, Fehldiagnosen einer Nahrungsmittelallergie zu vermeiden und damit unnötige Therapien oder Karenzmassnahmen zu verhindern (10). Die eigentliche Therapieeinleitung erfolgt entweder im Rahmen dieser Provokationstestung oder nach einem definierten Einleitungsprotokoll. 2. Aufdosierungsphase: Nach Festlegung der Startdosis erfolgt die tägliche Einnahme zu Hause. Die Menge wird typischerweise alle paar Wochen unter ärztlicher Kon trolle gesteigert. 3. Erhaltungsphase: Nach Erreichen der Zieldosis erfolgt eine langfristige tägliche oder zumindest mehrmals wöchentliche Einnahme. Die angestrebte Erhaltungsdosis richtet sich nach Allergen, Behandlungsprotokoll und individuellen Faktoren.
Eine abschliessende orale Provokation kann den Grad der Desensibilisierung überprüfen und eine Liberalisierung der Diät ermöglichen. In einigen Zentren wird zusätzlich geprüft, ob nach einer vorübergehenden Therapiepause eine Remission vorliegt.
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Abbildung 1: Übersicht über den Ablauf der oralen Immuntherapie
Nebenwirkungen und Herausforderungen Nebenwirkungen treten bei der Mehrzahl der Patienten auf, sind jedoch überwiegend mild. Häufig sind oraler Juckreiz und gastrointestinale Beschwerden. Schwerere Reaktionen bis hin zur Anaphylaxie sind möglich und treten oft im Zusammenhang mit Kofaktoren wie Infekten, körperlicher Anstrengung oder Pollenflug auf (11,12). Bei ausgewählten Patienten kann Omalizumab (Anti-IgE-Antikörper) als Begleittherapie die Sicherheit erhöhen; dies erfolgt derzeit offlabel und erfordert eine vorgängige Kostengutsprache.
Als spezifische Komplikation ist die eosinophile Ösophagitis (EoE) zu beachten, die bei einem kleinen Teil der Patienten auftreten kann. Eine regelmässige symptomorientierte Anamnese ist daher essenziell (13).
Neben den medizinischen Aspekten stellt die Alltagsintegration viele Familien vor Herausforderungen. Die tägliche Einnahme, einzuhaltende Vorsichtsmassnahmen und nicht selten eine Geschmacksaversion gegenüber dem Allergen erfordern ein hohes Mass an Disziplin und Durchhaltewillen (14).
Einflussfaktoren auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen Die Wirksamkeit der OIT wird durch mehrere Faktoren beeinflusst. Günstige Voraussetzungen sind ein junges Alter, niedrige spezifische IgE-Werte und eine hohe initiale Reaktionsschwelle (6). Hohe spezifische IgE-Werte, multiple Nahrungsmittelallergien und relevante Komorbiditäten sind hingegen mit höheren Nebenwirkungsraten assoziiert (15).
Patientenselektion und Sicherheitsstrategien Der Therapieerfolg hängt wesentlich von einer sorgfältigen Patientenselektion ab. Neben medizinischen Kriterien sind Motivation, Zuverlässigkeit und das Verständnis der Familie für Risiken und Notfallmassnahmen zentral. Da es sich um eine elektive Therapie handelt, müssen Indikation und Zeitpunkt sorgfältig abgewogen werden.
Einordnung nach dem Rückzug von Palforzia® Der Rückzug von Palforzia® vom Markt spiegelt weniger ein
Versagen des OIT-Konzepts als vielmehr praktische und ökonomische Hürden in der breiten Anwendung wider. Dies ist bedauerlich, da das Produkt relevante Vorteile bot: standardisierte Dosierung, einfache Handhabung, geringere Geschmacksintensität sowie eine solide Studienlage.
In der Schweiz wird die OIT weiterhin in spezialisierten allergologischen Einrichtungen durchgeführt, mit natürlichen Allergenquellen in allergenabhängig unterschiedlichen Darreichungsformen, beispielsweise gemahlen, als Pulver, in verarbeiteten Lebensmitteln oder als flüssige Zubereitung. Künftig könnten zudem weitere Applikationswege wie die sublinguale oder epikutane Immuntherapie das therapeutische Spektrum erweitern. Entscheidend bleibt in jedem Fall die Durchführung unter fachkundiger, spezialisierter Betreuung.
Fazit Die orale Immuntherapie ist heute ein fester Bestandteil der pädiatrischen Allergologie. Sie bietet ausgewählten Kindern mit Nahrungsmittelallergien eine realistische Möglichkeit, das Risiko schwerer Reaktionen zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern.
Voraussetzung sind eine sorgfältige Patientenselektion, realistische Zielsetzungen sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen Familie, Haus- bzw. Kinderärzten und spezialisierten Allergologie-Zentren. Unter diesen Bedingungen bleibt die OIT auch nach dem Rückzug von Palforzia® eine wirksame und sicher umsetzbare Therapieoption, derzeit unter Verwendung natürlicher Allergenquellen, künftig möglicherweise ergänzt durch weitere Formen der Allergen- Immuntherapie.
Korrespondenzadresse: Dr. med. Maria Breiding Abteilung Allergologie, Universitäts-Kinderspital Zürich Lenggstrasse 30, CH-8008 Zürich maria.breiding@kispi.uzh.ch
Co-Autor: PD Dr. med Johannes Trück Abteilung Allergologie, Universitäts-Kinderspital Zürich
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