Transkript
EDITORIAL
Warum? Darum!
Menschen haben die ausgeprägte Neigung, die WarumFrage zu stellen. Wer je von einer 4-Jährigen gefragt wurde, warum der Himmel blau ist, weiss was ich meine. Das beharrliche Nachfragen ist ein evolutionäres Erfolgsrezept, denn die stete Suche nach UrsacheWirkungs-Beziehungen ist letztlich die Wurzel jeglichen Erkenntnisgewinns. Aber die Warum-Strategie hat, wie so vieles im Leben, auch einen Haken. Während eine Antwort auf die Warum-Frage bei relativ einfachen, unmittelbaren Ursache-Wirkungs-Beziehungen rasch zu finden ist (Aha, es tut weh, weil ich die heisse Herdplatte angefasst habe!), sieht das beim Erfassen komplexer Zusammenhänge anders aus – zumal in einer von vielen als zunehmend unübersichtlich empfundenen Welt. Das sorgt für Unsicherheit. Viele Zeitgenossen scheinen es nicht aushalten zu können, wenn man (noch) nicht weiss, warum dies oder das geschieht, oder dass gar der Zufall regieren könnte. Verschwörungstheorien aller Art bieten Abhilfe. «Offensichtlich ist es für viele Menschen einfacher, zu glauben, dass irgendwelche Bösewichter die Strippen ziehen, als dass niemand die Strippen zieht und Dinge einfach so passieren», sagt Prof. Dr. Michael Butter, Universität Tübingen, der sich wissenschaftlich mit Verschwörungstheorien auseinandersetzt (1). Für Psychologen gilt die «Verschwörungsmentalität» als stabiles Persönlichkeitsmerkmal, und sie befassen sich unter anderem mit der Frage, welche Folgen dies für die Entscheidung für oder gegen medizinische Mass-
nahmen hat. So stellten beispielsweise Pia Lamberty und Prof. Roland Imhoff von der Johannes-GutenbergUniversität in Mainz in ihren Studien fest, dass Personen, die zu Verschwörungstheorien neigen, komplementärmedizinische Methoden deutlich bevorzugen (2). Alles, was mit Macht in Verbindung stehe, wie zum Beispiel die Pharmaindustrie, werde von Verschwörungstheoretikern sehr skeptisch beurteilt (3). Dies zeigte sich in einem weiteren Experiment: Die Probanden sollten über die Zulassung eines fiktiven pflanzlichen Medikaments gegen Ängste, Gastritis und Depressionen entscheiden. Personen mit einer stark ausgeprägten Verschwörungsmentalität bewerteten das Medikament als wirksamer und positiver, wenn sie glaubten, es sei von einer als machtlos geltenden Patientengruppe entwickelt worden und nicht von der Pharmaindustrie. Clevere PR-Strategen nutzen diesen Effekt längst für Marketingzwecke. Sie unterstützen Patientengruppen in der Hoffnung, dass die Botschaft auf diesem Weg bei den Betroffenen mehr Gehör finden könnte als ärztliche Ex-cathedra-Weisheiten. Offenbar wird aber nicht jede Information für Verschwörungstheoretiker glaubwürdiger, wenn sie ein Laie anstelle eines Experten verkündet. Dies zeigt eine weitere Studie der Mainzer Psychologen, in der es um Informationen über Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg ging (4, 5). Zum einen bestätigte sich, dass die meisten Menschen die Meinung eines Experten noch immer für glaubwürdiger halten als die eines Laien. Zum anderen wurden die Forscher von dem Befund überrascht, dass extreme Verschwörungstheoretiker dem Laien auch nicht mehr Vertrauen schenkten als dem Experten.
Renate Bonifer
1. Faszination Verschwörung – Geschichte und Wirkungen von Verschwörungstheorien. Vortrag von Prof. Dr. Michael Butter am 19. Juni 2018 in Stuttgart https://www.youtube.com/watch?v=ePbtSPwAxl8.
2. Lamberty P, Imhoff R: Powerful pharma and its marginalized alternatives? Effects of individual differences in conspiracy mentality on attitudes toward medical approaches. Social Psychology 2018, published online Juli 30, 2018.
3. Pressemitteilung der Johannes-Gutenberg-Universität Main, 1. August 2018, idw-online.
4. Imhoff R et al.: Using power as a negative cue: How conspiracy mentality affects epistemic trust in sources of historical knowledge. Pers Soc Psychol Bull 2018; 44(9): 1364–1379.
5. Pressemitteilung der Johannes-Gutenberg-Universität Main, 30. Mai 2018.
ARS MEDICI 18 | 2018
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