Transkript
MEDIEN, MODEN, MEDIZIN
Rosenbergstrasse
Alltagsmemo für den kommenden Herbst: Man ist nie zu alt, um wild durch einen Laubhaufen zu rennen.
LLL
Doch, doch, es gibt auch Aufbauendes im Internet, sogar auf Facebook: «Schliesse ab, mit dem, was war, sei glücklich mit dem, was ist und offen für das, was kommt. Das Leben ist schön – von einfach war nie die Rede.» Gut, oder?
LLL
Den Schweizer Diplomaten ist beim Verhandeln mit der EU das Wilhelm-TellGen abhanden gekommen. Oder sie haben in der Schule zu wenig Schiller gelesen. Jedenfalls, sie lehnen sich nicht mehr auf gegen schier übermächtige Gegner, sondern geben lieber nach (literarisch analog: sie grüssen höflich den Gesslerhut). Die Eidgenossen seinerzeit riskierten mit starrköpfiger Bockigkeit noch ihr Leben, die Bundesgenossenschafter heute riskieren nicht einmal ein paar wirtschaftliche Vorteile zugunsten der politischen Selbstbestimmung. Dabei muss man gar nicht bis zu Schiller zurück, um Widerstand zu lernen. 80 Jahre zurück genügen.
LLL
Im Internet kursieren ein eindrückliches Bild von Jean-Léon Gérôme («Die Wahrheit steigt aus dem Brunnen») plus das zugehörige Märchen. Die Kurzfassung: «Es treffen sich die Lüge und die Wahrheit. Die Lüge sagt: «Heute ist ein guter Tag.» Die Wahrheit sieht gen Himmel und wirklich: der Tag ist gut. Sie gehen eine Weile zusammen, bis sie zu einem grossen Brunnen mit Wasser kommen. Die Lüge hält ihre Hand ins Wasser und wendet sich der Wahrheit zu: «Angenehm warmes Wasser. Sollen wir zusammen schwimmen?» Die Wahrheit ist misstrauisch, taucht ihre Hand ins Wasser und siehe da: das Wasser ist ange-
nehm warm. Die beiden schwimmen eine Weile, bis die Lüge plötzlich aus dem Brunnen steigt, die Kleider der Wahrheit anzieht und verschwindet. Die Wahrheit, wütend und nackt, rennt überall hin und sucht nach der Lüge, um ihre Kleidung zurück zu erhalten. Die Welt aber, die die Wahrheit ohne Kleider herumirren sieht, mockiert sich über sie und wendet sich angewidert ab. Die arme Wahrheit schämt sich, geht zurück zum Brunnen und kriecht für immer hinein. Seitdem reist eine Lüge um die Welt, verkleidet als Wahrheit. Sie erfüllt die Bedürfnisse der Welt, die die nackte Wahrheit nicht sehen will.» Ein nettes Märchen. Bei dem eines stutzig macht. Es posten’s und liken’s Rechte genau so wie Linke. Es finden’s Anhänger von Merkel und Macron genau so treffend wie die Fans von Salvini und Orban. Was uns das sagt? Vielleicht dies: Wahrheit und Lüge sind ein und dasselbe. Es gibt sie nicht je für sich allein. Was uns als Wirklichkeit erscheint, nennt der eine Lüge, der andere Wahrheit. Denn wir sehen, was wir sehen wollen. Nur die frivole Gisela feixt: Und? Hilft diese Erkenntnis weiter?
LLL
Um «R-E-S-P-E-C-T» kann man bitten, wie Aretha Franklin, die kürzlich verstorbene Queen of Soul, in ihrem gleichnamigen Song. Respekt kann aber auch fehlen, wie nicht erst seit den jüngsten Unruhen mit Gewalt und Drohungen gegen Polizisten, Sanitäter und Ärzten bekannt. In den sozialen Medien kursieren Dutzende von Videoclips, in denen Polizisten, Feuerwehrleute, Notfallsanitäter angepöbelt werden. Deren Reaktion ist meist Rückzug und Beschwichtigung. Die Mediensprecher nennen das dann «De-Eskalation» – eine stark beschönigende Umschreibung für die (verständliche, aber leider kontraproduktive) Angst vor der Gewalttätigkeit von Leuten, denen Schrammen oder eine gebrochene Nase vor lauter Adrenalin und Testosteron nichts ausmachen.
LLL
Respekt, die Wertschätzung von Personen, Regeln, Institutionen, sollte man – eigentlich – einfach haben beziehungsweise erwarten dürfen. Vor allem gegenüber weiblichen, friedfertigen, helfenden Menschen, gegenüber Regeln und Sitten von Gastgebern und gegenüber fremden Institutionen. Wer keinen Respekt hat, vor nichts und niemandem, schon gar nicht vor Schwächeren, bei dem hilft nur noch eines: ihn sich verschaffen. Leider ist das leichter gesagt als getan. Wir (als Gesellschaft) haben das verlernt und bekunden grosse Mühe damit, denn es tönt nicht nur unangenehm und martialisch. Es ist es auch. Aber tja, wir werden das wieder lernen müssen. Sonst setzt sich eine andere Regel durch, die da heisst: No respect wins! Und das würde übel – die Anfänge sehen wir bereits.
LLL
Der am häufigsten wiederholte journalistische Irrtum der letzten zwei Jahre: «Dieser Skandal könnte Trump endgültig den Kopf kosten.» Trump selber nennt die Hoffnung seiner Gegner, spätestens beim nächsten FettnäpfchenTritt werde es ihn endgültig «lupfen», Trump-Derangement-Syndrom (TDS). Der Ausdruck meint den krankhaften mentalen Zustand von Personen, die wegen ihres Hasses gegen Trump verrückt geworden sind. (In der Schweiz kennt man das Syndrom auch, wenn auch namenlos. Man könnte es eventuell Herrliberg-Syndrom nennen.)
LLL
Und das meint Walti: Was meinen Sie, was in diesem Land los wäre, wenn mehr Leute wüssten, was in diesem Land los ist.
Richard Altorfer
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ARS MEDICI 18 | 2018